Die Lehrerin Paula Schenk leidet traumatisch: Sie konnte das behinderte Kind, mit dem sie schwanger war, nicht austragen. Und das ausgerechnet, als ihr Mann, der Neurologe Michael Schenk, in einer Spezialklinik neurologische Experimente mit geistig Behinderten unternimmt.
Die Autorin Nina Ender lag beim Stückewettbewerb der Schaubühne mit ihrem Text "Die Wissenden" an der Spitze. Jetzt hat Jan-Christoph Gockel die Uraufführung im Studio realisiert. Es ist Gockels Diplominszenierung zum Abschluss seines Studiums an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Koproduktion! Man merkt der ausnahmslos mit professionellen Darstellern besetzten Aufführung durchaus an, dass am Stück bis zuletzt herumgedoktert wurde.
Ender hat disparate Motive und Themen zusammengeklebt. Die Neurologen-Gattin platzt in die Klinik hinein und lässt bei einem Experiment den Hirnstrom des Vorzeigepatienten Ralph auf sich übertragen. In einer anderen Szene schickt die Autorin Frau Schenk "ins Totenreich der Pathologie". Eine bereits tote (!) Frau berichtet, wie sie ihren unheilbar kranken Vater per ICE in die Schweiz brachte, wo er mithilfe einer Sterbefirma sein Leben beendet hat und sie dann anschließend selbst den Tod suchte.
Gockel strengt sich an, dem brüchigen Text mit seiner zerrissenen Sprache schlüssige Form zu geben und wenigstens den makabren Aussagen der Mediziner einen gewissen Witz abzuringen. Ender will den besonders zynischen und inhumanen Umgang mit hilflosen Individuen attackieren. Dazu fehlt der Szenenfolge aber die nötige gedankliche Tiefe.
David Ruland spielt den Autisten Ralph. Anfangs dumpf und aggressiv, legt er am Schluss lebhaft mit der assoziativ gemeinten Geschichte vom Ulmer Schneider Albrecht Berblinger los: Der stürzte anno 1811 mit seinem Flugapparat ab und wurde für spinnert gehalten; später stellte sich heraus, dass sein Gerät durchaus flugtauglich war. Lea Draeger ist die hypernervöse, fast verzweifelnde Lehrerin und Neurologen-Frau. Henrike Jörissen wird vom Regisseur als untote Tote reichlich viel um die Spielfläche gehetzt. Schönes mobiles Bühnenbild mit Projektionen (Julia Kurzweg). Viel darstellerischer Einsatz für einen Stückentwurf ohne nötige ideeliche Tiefe.
Schaubühne am Lehniner Platz/Studio,
Kurfürstendamm 153
Tel. 89 00 23
Termine: 27., 28.2.; 3., 4., 7.3.


