Musical-Premiere

Rosa Luxemburg singt und tanzt

Ein Musical über das Leben von Rosa Luxemburg, geht das? Das Berliner Grips Theater hat es gewagt: Heute wird das Singspiel "Rosa" uraufgeführt. In den Geschichtsbüchern taucht die Politikerin nur als nüchterne Denkerin auf, doch die Autoren zeigen, dass das längst noch nicht alles ist.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Im Grips Theater grassiert das "Rosa"-Fieber. Und die Verantwortlichen treffen keine Vorkehrungen, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Im Gegenteil: Die Programmhefte sind gedruckt, die Plakate aufgehängt und die T-Shirts fertig. Allgegenwärtig ist das Konterfei von Rosa Luxemburg.

Ikonographisch erinnert es nicht zufällig an das legendäre von Che Guevara. "Beide waren Kämpfer, die an die Masse geglaubt haben. Beide sind ihren Überzeugungen treu geblieben, haben sich nicht kaufen lassen", erklärt Regisseurin Franziska Steiof die Parallelen. Um so gleich darauf hinzuweisen, dass "wir Rosa Luxemburg nicht als Pop-Ikone zeigen möchten" - auch wenn sich wegen der T-Shirts und den im Stück groupiemäßig auftretenden "Rosa Singers" diese Assoziationen aufdrängt.

"Wir gehen durch ihr Leben, durch Höhen und Tiefen, durch die Widersprüche. Wir zeigen Aspekte ihrer Persönlichkeit, die nicht so bekannt sind", erzählt Franziska Steiof. Die Regisseurin hat "Rosa", so schlicht wie einprägsam ist das "Schauspiel mit Musik" betitelt, gemeinsam mit Volker Ludwig geschrieben.

Der Grips-Gründer wollte schon vor 40 Jahren ein Stück über eine der schillernsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts schreiben. Das Projekt kam ins Rollen, nachdem Franziska Steiof ihm nach einer Premiere eine Luxemburg-Biographie geschenkt hatte.

Die beiden haben erstmals vor fünf Jahren bei "Baden gehen" zusammengearbeitet. Dieses Musical lief vier Spielzeiten lang und kam auf 100 ausverkaufte Vorstellungen. Auch diesmal haben die beiden das Stück gemeinsam geschrieben, auch diesmal kümmert sich Franziska Steiof allein um die Inszenierung. Natürlich nicht ganz. Die Schauspieler dürfen sich schon einmischen - schließlich ist eine Szene schnell umgeschrieben, wenn die Autoren so nah dran sind.

Für Menschen zwischen 16 und 96

Unterstützt wurde die Produktion von der Gasag, dem Haussponsor des Grips Theaters, und der Berliner Lottostiftung. Denn ohne zusätzliche Mittel kann eine verhältnismäßig kleine Bühne so ein Riesenprojekt, wo das gesamte Ensemble und eine Band auf der Bühne stehen, gar nicht stemmen.

Heute Abend hat die Uraufführung, die sich an "Menschen zwischen 16 und 96 richtet", wie es gripstypisch immer so schön heißt, am Hansaplatz Premiere. Ein gutes Timing. Denn fast genau vor 90 Jahren ereigneten sich in Berlin Dinge, die auch im Stück eine Rolle spielen. Die "Novemberrevolution" tobte, der Kaiser verließ das Land, - und gleich zwei Politiker beendeten verbal die Monarchie: der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief die Republik am Reichstag aus, Karl Liebknecht am Schloss die sozialistische Republik. Und in "Rosa" singt das Volk: "Guten Morgen Revolution / Der Krieg ist aus, der Kaiser geflohn/ Die Reaktion geht in Pension/ Guten Morgen Revolution/ Dass Land ist außer Rand und Band/ Und ganz Berlin in Arbeiterhand".

Aber schon zwei Monate später, am 15. Januar 1919, kurz nach der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands, schlug die "Reaktion" zurück: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden von Freikorpssoldaten ermordet. Die Leichen landeten im Landwehrkanal.

Regine Seidler spielt die Titelfigur. Die Schauspielerin, die zwei Jahre lang bis Anfang 2008 in der RTL-Soap "Alles was zählt" in der Rolle der Nadja Roschinski zu sehen war, aber wegen einer Schwangerschaft aus der Serie ausstieg, kehrte für diese Produktion ans Grips Theater zurück. Regine Seidler, die in Leipzig geboren wurde und im Osten zur Schule ging, hat durch die Arbeit ganz neue Seiten an der Luxemburg entdeckt: "In der Schule wurde uns Rosa als ungeschlechtliche Denkerin vermittelt." Und Franziska Steiof ergänzt: "Ihr Liebesleben ist eine wichtige Farbe bei uns. Das ist ein schöner Kontrapunkt, um ihre sehnsüchtige Seele zu zeigen."

Rosa Luxemburg war zeitlebens unverheiratet, sie hatte fast immer jüngere Liebhaber. Ihre "glücklichste Zeit verbrachte sie mit Kostja Zetkin, dem Sohn ihrer besten Freundin Clara Zetkin", erzählt Regine Seidler. "Das war eine ganz innige Liebesbeziehung." In der DDR sei dieser Aspekt nicht vorgekommen. Da hieß es dann, dass Rosa Luxemburg "ein mütterliches Verhältnis zu ihrem Untermieter hatte". Eine interessante Umschreibung.

Wie schon bei "Baden gehen" komponierte Thomas Zaufke die Musik, aber als Musical wollen die beiden "Rosa" nicht verstanden wissen. Nicht nur des Endes wegen. Das Verhältnis zwischen Sprechtext und Gesang sei anders als im Musical. Aber ein paar Ohrwürmer erklingen schon. Und ein Lied wie "Blaue Flecken auf der Seele" geht unter die Haut. Davon können viele Musicals nur träumen.

Grips Theater , Altonaer Straße 22, Tiergarten. Tel. 397 47 477. Premiere Freitag, 07.11.08, 19.30 Uhr.

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