Art Forum

Berlin entwickelt sich zur Kunsthauptstadt

Der Trend ist nicht zu übersehen: Berlin wird immer mehr zum europäischen Kunstzentrum. Von überall her kommen renommierte Galerien in die Stadt, die hier Dependancen eröffnen oder ihren Standort ganz nach Berlin verlegen. Ein Überblick.

Foto: AP

Der Abend während der Art-Forum-Tage ist traditionell dem Galerienbummel gewidmet. Die Stadt ist voll mit auswärtigen Sammlern, Kuratoren, Museumsdirektoren und anderen Kunstinteressierten. So nutzten die Linienstraßen-Galerien neugerriemschneider und Esther Schipper die Gelegenheit, dem hochkarätigen Publikum neue Ausstellungen ihrer Galeriekünstler vorzustellen.

Wolfgang Tillmans (40), in London lebender deutscher Fotokünstler mit langer Karriere, zeigt bei neugerriemschneider neue Arbeiten aus den letzten vier Jahren. Teils kleinere, fast monochrome Fotopapiere, die scharf abgekantet sind und, in Plexiglaskästen präsentiert, skulpturale Qualitäten entwickeln. Teils aber auch hartkörnige Großaufnahmen von Obdachlosen oder männlichen Akten.

Ein Parcours visueller Erfahrungen

Die belgische Künstlerin Ann Veronica Janssens (52) dagegen hat die Galerie Esther Schipper in eine Art Laboratorium verwandelt und zeigt etliche Arbeiten zum Thema Licht: stroboskopartige, hochfrequente Lichtfolgen, flackernde Monitore und die sanfte Brechung des Lichts in unterschiedlich dichten Flüssigkeiten lassen die Schau zu einem Parcours visueller Erfahrungen werden.

Daneben gibt es einen weiteren Trend zu beobachten: Die Berliner Offenheit und die Vielfalt an Kunstorten wirken zurzeit offenbar wie ein sich ständig verstärkender Sog. Von überall her kommen Galerien in die Stadt, die an ihren bisherigen Standorten oft mehr als etabliert waren. Manche eröffnen Dependancen, andere verlegen ihre Aktivitäten komplett hierher.

So auch die Kölner Galerie von Monika Sprüth und Philomene Magers, die ihre Londoner Filiale behält, den Stammsitz Köln auf ein Büro reduziert und die Filiale in München ganz aufgibt. Das schicke neue Hauptquartier der beiden Globalen Playerinnen befindet sich jetzt in der Oranienburger Straße. Damit sind sie Pioniere in der sich vielleicht gerade etablierenden ersten Reihe des proppevollen Galerienviertels rund um die altbewährten Adressen August- und Linienstrasse.

In den vom Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger mit minimalistischer Reduktion und konzeptueller Strenge umgebauten Räumen eines alten Ballsaals und späteren Auditoriums zeigen Sprüth Magers zum Auftakt Dreidimensionales vom biennaleerprobten Dresdner Thomas Scheibitz (40). Rund 30 abstrakte und teils sehr farbig bemalte Skulpturen hat Scheibitz zu einem dichten Feld aufgesockelt. Manche erinnern an das Formenrepertoire der Moderne, andere an naturwissenschaftliche Formen oder utopisch-technische Apparaturen. Eine Editionsgalerie in Zusammenarbeit mit Schellmann Editionen aus München/New York rundet das großzügige Raumangebot ab. Hier zu sehen sind LED-Lichtbänder mit Texten der New Yorker Konzeptkünstlerin Jenny Holzer.

Eröffnungsschau "Kunst im Heim"

Ebenfalls neu in Berlin ist die Galerie Capitain Petzel, ein Zusammenschluss zweier weiterer Big Player im internationalen Kunsthandel: der Kölnerin Gisela Capitain mit dem in New York ansässigen Deutschen Friedrich Petzel. Auch diese Galerie ist Ziel zahlreicher Art Forum-Besucher. Capitain Petzel befindet sich an der Karl-Marx-Allee unweit vom Kino International. Die Galerie residiert in einem der seltenen Juwele der DDR-Moderne. Der 1964 erbaute, elegante und lichtdurchflutete Pavillon trug einst den sozialistisch-betulichen Namen "Kunst im Heim" und diente bereits der DDR und anderen Ostblockstaaten als Kunstschaufenster. Das markante Gebäude wurde sorgfältig restauriert und bietet jetzt auf drei Ebenen Platz für Ausstellungen aller Art. Rund 25 Künstler aus dem Programm der beiden Galerien werden in der ironisch "Kunst im Heim" betitelten Eröffnungsschau gezeigt. Darunter Cosima von Bonin, Kippenberger, Dirk Skreber und Christopher Wiliams.

Bereits eine Woche zuvor eröffnete auch die Karlsruher Galerie Meyer Riegger, eine der Vorzeigegalerien im deutschen Südwesten, ihre Ständige Vertretung in der Friedrichstraße. Zum Auftakt zeigt der in Berlin lebende britische Konzeptkünstler Jonathan Monk, 39, Malerei im Geiste Martin Kippenbergers. Monk ließ ein Kippenberger-Gemälde, auf dem der Maler selbst an einem Souvenirstand am Checkpoint Charlie zu sehen ist, von sieben verschiedenen chinesischen Reproduktionsmalern nachmalen. Gefunden hat er sie im Internet. Monk greift damit eine Methode Kippenbergers auf und stellt so die spannende Frage nach den Reibungsverlusten des Originals im Zeitalter der Reproduktion.

Bleibt zu hoffen, dass die potenten Neuankömmlinge und Raumpioniere nicht zu den gefürchteten Hechten im Karpfenteich mutieren. Etliche der von ihnen vertretenen Künstler haben bereits seit Jahren Galerievertretungen in Berlin. Bisher waren die Reviere abgesteckt. Jetzt könnten die Karten neu verteilt werden. Aber vielleicht bewahrheitet sich ja auch hier die alte Kaufmannsweisheit, wonach Konkurrenz das Geschäft belebt.

neugerriemschneider , Linienstraße 155, www.neugerriemschneider.com

Galerie Esther Schipper , Linienstraße 85, www.estherschipper.com

Galerie Sprüth Magers , Oranienburgerstraße 18, www.spruethmagers.com

Galerie Capitain Petzel , Karl-Marx-Allee 45, www.capitainpetzel.de

Galerie Meyer Riegger , Friedrichstraße 235, www.meyerriegger.de