Jeff Koons mag alles, was groß, schön bunt und begehrlich schillert an der Oberfläche. Seine aufgeblasenen Skulpturen kennt eigentlich jeder: Hündchen, Luftballons, Ostereier, Herzen, allesamt gegossen in glänzendem Edelstahl. Kurz: fröhliche Kinderfantasien oder wie der amerikanische Künstler selbst sagt, Verweise auf heitere Familienfeste wie den Valentinstag oder Geburtstag.
Es gibt viele Urteile, gute wie schlechte, über den 53-jährigen New Yorker, der sich stets freundlich und zuvorkommend im Anzug gekleidet als „Sunnyboy“ der amerikanischen Kunst präsentiert: der Kunstmarkt hofiert ihn, schließlich liegen seine Figuren bei weit mehr als 20 Millionen Dollar, Kunstkritiker monieren den schönen Schein des Kitsches, kritisieren den affirmativen Charakter der Arbeiten, Kinder lieben seine naiven Spielzeugfiguren.
Jeder sieht, was er sehen will. Kritik kontert er nonchalant. „Wer meine Kunst nicht mag, hat sie noch nicht verstanden!“ Das sitzt. Er meint damit, dass derjenige den „anerzogenen guten Geschmack“ noch nicht hinter sich gelassen hat und damit Maßstäbe von Kunst setzt, die Koons für nicht (mehr) angemessen hält.
Er pflegt – anders als viele Künstler – nicht den Geist des Elitären und Abgehobenen. Nein, Jeff Koons will sein Publikum „umarmen“ mit seiner „schmeichelnden und schönen“ Kunst. Koons, Sohn eines Dekorateurs, ist einer der teuersten und einflussreichsten Künstler seiner Generation, seine Ausstellungsagenda für dieses Jahr bestätigt das: Dem Metropolitan Museum in New York ist er buchstäblich aufs Dach gestiegen; weithin glitzert sein „Ballon Dog“ vor der grauen Skyline Manhattans.
In Paris macht er derzeit dem Sonnenkönig im Schloss Versailles in seiner barocken Pracht Konkurrenz. Nun zieht er mit Werken seiner „Celebration“-Serie in die Obere Halle der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Ein Duell der Formen: der gläserne, reduzierte Mies-van-der- Rohe-Bau steht im Kontrast zu den dynamisch-ausladenden Skulpturen. Doch ähnlich wie im Schloss Versailles ziehen sich die Gegensätze an. Kuratorin Anette Hüsch: „Koons Bildsprache funktioniert universal, ähnlich wie ein Piktogramm.
Jeder kennt seine Zeichen wie Katzen und Hunde. Keiner hat das Gefühl, ungebildet zu sein, weil er diese Kunst nicht versteht.“ Die Berliner Ausstellung steht unter dem Motto „Kult des Künstlers“ – und in der Tat verkörpert Koons wie nur wenige andere seiner Generation diesen Kult. Dazu gehören ganz klar seine Strategien zur radikalen Selbstvermarktung, die sich über die Jahre immer wieder veränderten, sein Gespür, mit Medien umzugehen, und sein Gefühl dafür, wie man Massen lockt. Erinnern wir uns an seine exzessive Liaison mit der Polit- und Porno-Queen Ilona Staller alias „Cicciolina“ in den Neunzigern. Die Ehe mündete in Kunst und endete furios im Desaster.
Bis heute klagt Koons für mehrere Millionen Dollar um das Sorgerecht seines Sohnes Ludwig. Die Serie „Made in Heaven“, die die Grenze zum Porno überschritt, katapultierte ihn in den Medienhimmel der Kunst. Es entstanden furchtbar kitschige Porzellanfiguren und eine Reihe von Fotoarbeiten. Da sieht man die beiden beim handfesten „Blow Job“ oder in diversen „Kama Sutra“-Posen inklusive „Jeff eating Ilona“.
Natürlich war der Medienwirbel enorm. „Made in Heaven“ erreichte ein Publikum, das sich gewöhnlich nicht für Kunst interessiert. Koons war auf der Höhe seines Erfolgs, die Frucht dieses Tuns, seinen Sohn, bezeichnete er damals als „biologische Skulptur“. Und rief aus, Cicciolina und ich, „wir sind Gott!“Heute ist Koons in einer anderen Phase. Er führt ein Atelier ganz im Stil der alten Meister, allerdings in der modernen Gestalt eines mittelständigen Unternehmens.
An die 90 Leute arbeiten für ihn. Kein charmant morbides Warehouse hat er in Chelsea, New York, angemietet, sondern eine recht nüchterne Lagerhalle, die wohl mal einen Großhandel beherbergte. Innen ist alles hell eingerichtet und funktional. Da gibt es das Computerbüro als Entwurfslaboratorium, wo auch der Studioleiter seinen Platz hat, der schon viele, viele Jahre für ihn arbeitet. Dann gibt es die Sprayzelle und das Maleratelier – hier lässt Meister Koons für sich malen. „Ich kontrolliere alles, meinen Blicken entgeht nichts.“
„Jeff Koons. Celebration“, ab 31. Oktober bis 8. Februar 2009 in der Neuen Nationalgalerie




