Von außen sieht der Mies-van-der-Rohe-Bau aus wie eine kunterbunte Kinderkiste, in der allerlei Spielzeug fröhlich durcheinander gewürfelt wurde. Bonbonfarbene Herzen, Eier in Stanniolpapier und Tulpen aus der Anfang der 1990er-Jahre begonnenen "Celebration"-Serie des US-Künstlers Jeff Koons breiten sich in visueller Opulenz aus, glänzen wie Weihnachtskugeln.
Da thront der aufgeblasene "Balloon Dog" und glotzt zum Potsdamer Platz, so als heische er um Anerkennung. Wie schon in den Ausstellungen im Schloss von Versailles und auf dem Dach des New Yorker Metropolitan: Koons' Werke stehen in direktem Kontakt zu ihrem Umfeld. Es glitzert überall: in verschiedenen Positionen, mal größer, mal kleiner, aus der Vogel- oder Froschperspektive spiegeln sich die Besucher samt Architektur in den blankgewienerten Skulpturen wie im Vexierspiel. Eine Faszination der Perfektion.
Höhepunkt der "Kult"-Schau
Viele Künstler haben sich schon an der schwer bespielbaren Oberen Halle der Neuen Nationalgalerie abgearbeitet. Meist vergeblich. Nun müssen selbst Koons-Kritiker zugeben: So gut wie ihm ist es noch keinem vor ihm gelungen.
Mit dem gewagten Doppelschlag Jeff Koons und Paul Klee in der Neuen Nationalgalerie erreicht der zehnteilige "Kult des Künstlers", mit dem Peter-Klaus Schuster am Freitag seinen Abschied als Museumsgeneral feiert, seinen Höhepunkt. 300 Kleinformate im abgedunkelten Refugium der unteren Halle treten an gegen elf poppige Show-Giganten im Tageslicht.
Klee und Koons in einem Haus? Da kommt zusammen, was nicht zusammenpasst - so die vorherrschende Meinung im Vorfeld der Eröffnung. Dort der Individualist der Klassischen Moderne, da der millionenschwere Marketingstar des veredelten Kunstkitsches. Das Genie der aufgeblasenen Oberfläche gegen den Meister der Kleinformate und der mikroskopischen Zerlegung der Welt; urbane Außenwelt gegen grüblerische Innenwelt.
Davon abgesehen, dass diese "Paar"-Konstellation eher zufällig zustande kam, weil die Klee-Schau eine lange Vorlaufzeit hatte, ist es nun so, dass sich die Gegensätze auf unerwartete Weise befruchten. Es entstehen bemerkenswerte Reibungsflächen. Zudem gibt es erstaunliche Schnittpunkte, etwa die Begeisterung fürs Kindlich-Naive, nicht nur in Klees Motivsprache sichtbar, sondern ebenso Voraussetzung für seinen Kunstbegriff, wonach das kreative Potenzial des Menschen in der Kindheit seinen Ursprung hat.
Wenn es jemand beherrscht, den Kult des Künstlers zu bedienen, dann ist es Jeff Koons. Unvergessen seine amouröse Kunstliaison mit der italienischen Pornodiva Cicciolina, die in Murano-Glas verewigt wurde. Die gemeinsame Provokation endete damals mit dem Ausruf "Wir sind Gott!" Bei Klee verbindet sich die Ideenwelt der Schöpfung gar zu einem Schöpfungsmythos des Künstlers. "Bin ich Gott? Ich habe großer Dinge so viel gehäuft in mir!... Ein Zuviel an Macht muss ich bergen", schreibt er 1905.
Das Zuviel ist es dann wohl, was sein Werk so zeitlos und faszinierend macht; man lernt immer dazu im "Universum Klee". Darin bündelt sich die Welt in all ihren Facetten, das Naive, eine überbordende Fantasie, das Groteske ebenso wie das Erotische und Geheimnisvolle. Wir finden Architektur im ägyptischen Stil, exotische Gärten, sexuell aufgeladene Pflanzenstudien und melancholische Theaterpuppen ("Vogelscheuchengespenst"); eindeutig nüchterner und stark an Picasso orientiert kommen da die Werke daher, die in seiner "Bauhaus"-Zeit entstanden. Die Vielfältigkeit des Oeuvres ergibt sich auch aus Klees scheinbar unerschöpflicher Experimentierlust. Ob Radierung, Zeichnung oder Malerei, stets versuchte er sich neu zu erfinden. Er brachte Öl auf Papier, Aquarell auf Leinwand, versah Zeichnungen mit Kleisterfarbe.
9000 Werke hat Klee hinterlassen
Um diesem Universalkünstler überhaupt gerecht zu werden, ist die Schau in 15 Kapitel wie "Kindheit", "Eros", "Theater", "Musik", "Tiere" und "Krieg" gegliedert. 9000 Werke hat Klee hinterlassen. Zu den Ikonen gehört "Angelus novus" von 1920, eine seltene Leihgabe des Israel Museums in Jerusalem. In einer Art Schrein geborgen, bemächtigt sich das durchscheinende Wesen mit den seltsam wachen Augen einer ganzen Museumswand, um sich dort filigran in seiner Transzendenz zu entfalten. Das Blatt gehörte einst Walter Benjamin, der die Figur als "Engel der Geschichte" interpretierte. Am Anfang der Schau hängt ein Selbstbildnis Klees. Er kneift die Augen zu, alles ist nach innen gerichtet. Darum geht es schließlich in seinem Selbstverständnis: um die Innenschau und das Sichtbarmachen von Dingen durch die Kunst. Klar ist schon jetzt: Die Tandem-Schau Klee/Koons wird ein Erfolg.



