Morgenpost Online: Was haben Sie sich als Direktor der Nationalgalerie vorgenommen?

Udo Kittelmann: Ich habe mir primär vorgenommen, die verschiedenen Häuser der Nationalgalerie zusammenzudenken und dieses Zusammendenken wird sicherlich auch in den Ausstellungen der Häuser seinen Niederschlag finden.

Morgenpost Online: Was bedeutet Zusammendenken?

Kittelmann: Damit sind zuerst die Menschen angesprochen. Meine Mitarbeiter sollen sich als großes zusammenhängendes Team verstehen, das ein gemeinsames Ziel hat.

Morgenpost Online: Und das Ziel ist eine bestimmte Ausstellung zusammen zu machen?

Kittelmann: Immer wird gefragt, welche Ausstellungen machen Sie? Die Ausstellungen sind nicht das Primäre. Es geht vor allen Dingen darum, sich klar zu machen, was ein Museum ist und welche Haltung es einnimmt. Und ein Museum ist nicht zuallererst der Ort wechselnder Ausstellungen, sondern vor allem ein Ort der Sammlungen. Wir müssen den Reichtum der Sammlungen zeigen. Und da gibt es einiges zu tun - im Hamburger Bahnhof zum Beispiel.

Morgenpost Online: Das sehen Sie als Defizit in der bisherigen Arbeit?

Kittelmann: Es ist ein Defizit, das ich durchaus übertragen möchte auf ganz viele andere Museen mit zeitgenössischer Kunst. Ich glaube, dass Museen ihre Sammlungen in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend vernachlässigt und den temporären Ausstellungen den Vorzug gegeben haben. Damit einher geht der Verlust des Bewusstseins dafür, dass die tragende Säule eines Museums die Sammlung ist. Es wäre schön, wenn man mich irgendwann nicht mehr nach der nächsten Ausstellung fragte, sondern danach, was wir für die Sammlung neu erworben haben.

Morgenpost Online: Dann will ich Sie gleich nach einer Sammlung fragen. Die der Neuen Nationalgalerie hat sich zur unbekannten Sammlung entwickelt, weil sie meist im Depot ist. Denn der Mies-van-der-Rohe-Bau wird für Wechselausstellungen genutzt.

Kittelmann: In dieser Architekturikone sollte man sich zum einen ganz besonders danach fragen, welche Ausstellungen dort hinein gehören, und welche genauso auch an einem anderen Ort möglich wären. Und zum anderen geht es natürlich auch in der Neuen Nationalgalerie darum, das Ausstellungsprogramm im Kontext der Sammlung zu profilieren.

Morgenpost Online: Das heißt, eine Ausstellung wie die von Vanessa Beecroft, die 100 nackte Berlinerinnen auftreten ließ, würden Sie dort nicht machen lassen?

Kittelmann: Eher nicht.

Morgenpost Online: Obwohl die Künstlerin selbst das als idealen Ort empfand.

Kittelmann: Ich kenne wohl kaum einen Künstler, der die Neue Nationalgalerie nicht als idealen Ort für seine Präsentation empfindet. Das ist das Schicksal dieses Baus. Umso mehr heißt es, sich in Zukunft entschieden darüber klar zu werden, was an diesem Ort das Richtige und Notwendige ist.

Morgenpost Online: Was wäre eine ideale Ausstellung für den van-der-Rohe-Bau?

Kittelmann: Sicherlich die Ausstellung von Thomas Demand, die wir für Herbst 2009 dort planen.

Morgenpost Online: Warum?

Kittelmann: In meinen Augen ist es wünschenswert, wenn die Ausstellungen, die dort stattfinden, sich beispielsweise der Geschichte des Hauses widmen oder entschieden Stellung zu unserer Gesellschaft beziehen. Und weiß man, dass der Titel der Demand-Ausstellung "Nationalgalerie" lautet, so lässt sich schon jetzt vermuten, dass es sich um ein speziell auf diesen Ort bezogenes Projekt handelt.

Morgenpost Online: Aber es ist auch keine Ausstellung, die die selten gezeigte, bald vergessene Sammlung präsentiert.

Kittelmann: In diesem Falle natürlich nicht. Es wird aber in der Zukunft auch mit der Sammlung verstärkt gearbeitet werden.

Morgenpost Online: Was fehlt in den Berliner Museen, das Sie ihnen geben können?

Kittelmann: Der Anspruch ist zu hoch, als dass ich auf diese Frage antworten wollte. Es wird darum gehen, dass die einzelnen Museen eine unverwechselbare Handschrift tragen. Hier sprechen wir aber über langfristige Prozesse. An deren Ende sollte man dann schon sagen können, dass die Häuser der Nationalgalerie ein eigenes, klar erkennbares Gesicht zeigen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass sich auch das Museum im Zuge der aktuellen Kunstmarktkrise verändert?

Kittelmann: Die Museen haben glücklicherweise noch jede Krise überstanden. Insofern sind sie ein Garant für Verlässlichkeit. Hier wurde in sicheren Werten angelegt, nicht in spekulativen. Ich habe aber schon vor vielen Jahren kritisiert, dass sich die Museen zu sehr um das temporäre Ausstellungsgeschäft gekümmert haben.

Morgenpost Online: Sie haben in Frankfurt aber doch selbst exzessiv Wechselausstellungen gemacht.

Kittelmann: Immer im Kontext der Sammlung. Alle zwei Jahre gab es eine große Präsentation der Sammlungsbestände und der Neuerwerbungen. Und die allermeisten temporären Ausstellungen wurden aus der Sammlung heraus gearbeitet.

Morgenpost Online: Werden Sie selbst weiter Ausstellungen machen?

Kittelmann: Ich würde mir die Möglichkeit zum Atmen nehmen, wenn ich keine Ausstellungen mehr selbst machen würde.

Morgenpost Online: Ganz sichere Werte sind ja in der Alten Nationalgalerie, deren Direktor Sie ebenfalls sind. Aber muss man sich um ein Haus kümmern, dass so prima funktioniert?

Kittelmann: Sie sagen es. Was für ein traumhaftes Haus! Das ist das beste Beispiel - die Menschen gehen dort hin, weil sie bestimmte Bilder, zum Beispiel die von Caspar David Friedrich, sehen wollen und darauf müssen sie auch unbedingt vertrauen können. Der Louvre würde auch niemals die Mona Lisa abhängen. Museen müssen verlässlich sein.

Udo Kittelmann (1958 geboren) war Kommissar für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig und Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Seit 1. November ist der gelernte Optiker und Spezialist für zeitgenössische Kunst Direktor der Berliner Nationalgalerie mit sechs Museen.