Ein Heiliger? In einer weißen Kapelle in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofes hat Joseph Beuys im "Palazzo Regale" einen zentralen Auftritt, entstanden ein Jahr vor seinem Tod 1986. Ein Goldsarg mit der Anmutung eines Reliquienschreins: ein Luchsmantel liegt darin, tintenblau gefüttert, den der Künstler bei seiner Aktion "Titus Andronicus" Ende der sechziger Jahre trug. Seine Aktionen und Performances hatten stets den Habitus des Rituellen, seine Rolle als Künstler war die des Messias und Schamanen.

Wie aktuell ist Joseph Beuys?

Lange schon plant der Hamburger Bahnhof eine umfassende Werkschau, die letzte liegt zwanzig Jahre zurück. Dort erfährt er mit dem Titel "Die Revolution sind wir" eine Renaissance im Rahmen des Ausstellungszyklus "Kult des Künstlers", ein Abschlussfestival für den scheidenden Museumsgeneral Peter-Klaus Schuster. Der Titel fragt nach der Aktualität Beuys' in Zeiten von Globalisierung, weltweiter Finanzkrisen und Arbeitslosigkeit. Als Beuys 1971 diesen Satz "Die Revolution sind wir" schrieb, war das die Zeit der Aufrufe der RAF zum "revolutionären Kampf" gegen das "Schweinesystem". Sein Entwurf eines "erweiterten Kunstbegriffes" war eine Antithese zum marxistischen Revolutionspostulat und zum Terror der RAF. Seine Maxime der "sozialen Plastik" basierte auf Gewaltfreiheit, er setzte auf Evolution aus dem Geiste der Kunst.

Für Eugen Blume, Chef des Hamburger Bahnhofes, ist die Zeit reif für eine Neubewertung. "Beuys ist in der Kunst extrem weit gegangen - diese Rolle ist heute nicht mehr sichtbar. Es gibt vorwiegend affirmative Kunst, die mit der Gesellschaft einverstanden ist. Dieser radikale Gegenentwurf, ja diese Gegenwehr macht ihn als Figur so interessant. Bei den jungen Leuten gibt es eine Sehnsucht, solche Gestalten zu finden, die Ideen entwickeln, charismatisch und radikal sind." Etwa 500 Arbeiten umfasst die Schau, darunter monumentale Installationen wie "Unschlitt" und "Richtkräfte", Werke, die dem Hamburger Bahnhof gehören.

Laufsteg für Andy Warhol

Beuys bespielt fast das komplette Museum, im Kleihuessaal bekommt der Pop-Titan Andy Warhol einen glamourösen Laufsteg samt rotem Teppich mit seinen "Celebreties", altbekannten Stars wie Liza Minnelli oder Marilyn Monroe.

Warhol wie Beuys sind in der Sammlung Marx gut vertreten; ihnen jetzt ein gemeinsames Forum zum "Kult" zu geben, macht Sinn. Die beiden Antipoden verbindet mehr, als sie trennt. Warhol trieb seinen Künstlerkult auf die Spitze, in dem er mit dem schönen Schein der Oberfläche der Dinge spielte. Er verleibte der Kunst Alltagsgegenstände der US-Massenkultur ein, popularisierte sie. Beuys maßte sich an, mit seiner Kunst gleich die Gesellschaft zu verändern.

Die Inszenierung beherrschten beide aus dem ff - auch wenn sie unterschiedliche Strategien verfolgten. Beide entwarfen ihre eigene Marke, der ätherisch-anämische Warhol mit silberweißer Perücke, der sich mit seinem "Big Shot" immer wieder selbst fotografierte, als Drag Queen oder blondierte, Marilyn-ähnliche Schauspielerin. Beuys kam mit Hut und Fliegerweste. Der eine schrill, hedonistisch, unberechenbar: ein Matador des US-Konsums, der auf keiner Party fehlte. Der andere streng, pädagogisch und grüblerisch: ein deutscher Enzyklopädist, links-idealistisch bis in die Haarwurzel in stark politisierter Zeit. In Warhols New Yorker Factory gingen Kunst und Leben ineinander über wie Tag und Nacht. Hier wurden Siebdrucke produziert, Musik gemacht und Filme gedreht, weil jeder mindestens "für 15 Minuten" ein "Superstar" war.

Flower-Seidenkleidchen für 170 Euro

Mitten in der Schau gibt es einen Store, hier verkauft die durch die Warhol Foundation lizensierte Firma Pepe alles, was das Herz von Andy-Fans begehrt: T-Shirts, Jeans und seidige Flower-Seidenkleidchen für 170 Euro. Direktmarketing in einer Ausstellung? Verwischt das nicht die Kunst? Das tut es nicht. Die Präsentation zeigt haargenau, wo Warhol stand - und wie seine Kunst in der Gegenwart weiterwirkt: Person und Werk sind nicht ohne Merchandising zu denken. Warhol, der Unsterbliche.

Wo bei Andy also Glamour war, herrschte bei Joseph bewusst die Ärmlichkeit der Materialien wie Fett, Filz, Honig vor - und tote Tiere. Auch er erklärte jeden zum Künstler: Keines seiner Zitate führte zu solchen Missverständnissen wie dieser Satz. Fortan entfremdete so manches Psychoseminar oder manche Häkelgruppe Beuys' Credo für eigene Zwecke. Er selbst verstand diesen Satz als Folge seines "erweiterten Kunstbegriffs", der besagt, dass jeder Mensch über schöpferische Impulse verfügt, die ihn befähigen, verantwortlich zu handeln. Auch er bediente sich der Massenkultur: Er dozierte an der Uni, debattierte bei TV-Auftritten und Talkshows. Beuys war ein rhetorischer Verführer, seine "Predigten" nahmen nicht selten spirituelle Züge an. Die Sprache hat dementsprechend hohe Bedeutung.

Relikte einer anderen Zeit

Anders als Warhol hat Beuys keine Ikonen hinterlassen, seine Artefakte wirken wie Relikte, ohne die Aura des "Meisters" sind sie verblasst. Und doch hat Beuys, allen Kritikern zum Trotz, allgemeingültige Fragen formuliert, die heute vielleicht aktueller sind als noch vor 15 Jahren: nach dem Verhältnis von Natur und Mensch, den Strategien der Ökonomie, der geistigen Grundlage einer Gesellschaft: Kurz: die Frage nach unserer Zukunft.

Hamburger Bahnhof , Invalidenstr. 50-51. Tiergarten. Tel. 39 78 34 11. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18. Bis 11. Januar.