Kung-Fu

Funky Chinamen in funky Chinatown

Wie Kung Fu dank Bruce Lee zum Pop wurde - und warum der asiatische Mann endlich sexy sein darf

Die Tat wurde zunächst nur in klebrigen Bahnhofskinos beachtet, doch welthistorisch war sie ähnlich folgenreich wie die gewaltsame Öffnung Japans für westlichen Einfluss durch Commodore Perry: Nahezu im Alleingang führte Bruce Lee einen fruchtbaren Zusammenstoß der Kulturen herbei, dessen Nachwirkungen sich heute bei Modeopfern in Berlin-Mitte ebenso beobachten lassen wie bei schwarzen Hiphoppern und bei den Luftprügeleien des digitalen Actionkinos. Der Schauspieler und Kung Fu-Virtuose, dessen Tod am Sonntag genau 30 Jahre zurückliegt, veränderte durch Filme wie "Der Mann mit der Todeskralle" ein für alle Mal das Bild des asiatischen Mannes in den Unterhaltungsmedien der westlichen Welt. Gewissermaßen mit einem Fußtritt zersplitterte er die rosarote Brille der Niedlichkeit, durch die die Popkultur bis zu diesem Zeitpunkt alle Ostasiaten unterschiedslos betrachtet hatte.

Chinesen und Japaner waren bis zu diesem Zeitpunkt in Filmen und Liedern meist als geschlechtslose Figürchen dargestellt worden. Schlimmstenfalls waren sie Kasper wie Mr. Yunioshi in "Frühstück bei Tiffany". Bestenfalls waren sie immerhin ernst zu nehmende Weltbedrohungen wie der verschlagene Dr. Fu Manchu. Manchmal waren sie von orientalischer Weisheit geleitete Ermittler wie Mr. Moto und manchmal exotische Elemente im Gen-Pool der zukünftigen Menschheit wie Atan Shubashi auf der "Orion". Nur eins waren sie fast nie: echt. Dargestellt wurden sie von Mickey Rooney, Boris Karloff, Peter Lorre oder Friedrich-Georg Beckhaus - mehr oder weniger begabten Akteuren in dieser Asia-Variante der Ministrel Shows, wo einst schuhcremebeschmierte Weiße die Schwarzen verhöhnten.

Sogar wenn sie in Schlagern vorkamen, dann waren sie auch dort von einer asexuellen Putzigkeit umweht, die das Maß des in diesem Genre üblichen weit überschritt: "Beim Suki-Sukiyaki in Naga-Nagasaki da traf ich sie", sangen die Blue Diamonds 1963. Krampfhaft wurde der asiatische Mann auf die Harmlosigkeitsschwelle all der "China Dolls" oder Suzy Wongs und anderer Madam Butterfly-Schwundstufen heruntergedrückt, die die Trivialkultur der fünfziger und sechziger Jahre bevölkern. Man wusste zwar, dass sie fiese Tricks und Kampfarten kannten, aber man wollte sich nicht mehr davor fürchten. In irgendeinem Kriegsfilm gibt es eine Szene, in der ein kleiner Japaner versucht, John Wayne mit Judo aufs Kreuz zu legen. Der Japs verstaucht sich an dem schweren Kerl nur den Arm. Der Duke lacht darüber.


Ideologiekritisch darf man dahinter wohl eine psychologische Bewältigung der damals aktuellen Kriege vermuten: Man hatte den Japanern im Pazifik zwar ihre Grenzen aufgezeigt. Aber man hatte dafür auch die Atombombe gebraucht und obendrein hinter der lächelnden Maske einen Abgrund von Völkermord und Menschenversuchen bei der Spezialeinheit 731 entdeckt. Beim Blick ins raffzähnige Gesicht von Mr. Yunioshi ließ sich all das Grauen vergessen. Erst recht wollte man nicht daran erinnert werden, dass man gegen die Chinesen im Koreakrieg schon nicht mehr ganz so gut ausgesehen hatte.

Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass Bruce Lees wenige Filme genau in dem Moment entstanden und zu Welterfolgen wurden, als es mit dem Grenzen-Aufzeigen in Vietnam erst einmal zu Ende ging. Lee und der Vietcong brachten den asiatischen Mann als Kämpferin die Mythenwelt des westlichen Pop, den man fürchten, bewundern und endlich auch sexy finden kann. China und Japan (so genau trennt man in dieser Sphäre auch weiterhin nicht) wurden cool. Besser noch, sie wurden funky: "There were funky Chinamen in funky Chinatown", sang Carl Douglas in seinem Welthit "Kung Fu Fighting" von 1974.

Von da an blieb der ostasiatische Mann als erotischer Player auf dem Weltmarkt der Träume präsent: Nicht nur dank zahlreicher Klone, die Bruce Lai, Bruce Li, "Bruce Lee" oder Bruce Lei hießen. Ohne die muskelintensive Vorarbeit des originalen Lee hätte der Musiker und Schauspieler Riuchi Sakamoto nicht eines der Sexidole der Achtziger werden können, und ohne ihn hätte John Lone nicht Mickey Rourke in "Im Jahr des Drachen" die Schau gestohlen.

Zwar sank das eigentliche Kung-Fu-Kulturgut zeitweilig wieder in die tiefsten Tiefen der subproletarischen Welt herab. Dorthin, wo Inhaber verschwitzter Muckibuden namens "Budokan" Möchtegern-Luden beibrachten, sich die Füße um die Ohren zu schlagen. Doch bei diesen virilen Prolls, die im Fernsehen immer von Claude-Olivier Rudolph dargestellt wurden, war die Erinnerung an den "Mann mit der Todeskralle" oder "Die Kammern der Shaolin" - den wichtigsten Kung-Fu-Film nach dem Tode von Lee - gut aufgehoben. Wenigstens kam keiner mehr auf die Idee, "Schlitzaugen" für lustige Weicheier zu halten.

Bruce Lees kulturelles Erbe hat in den Budokans überwintert und erlebte schließlich ein umso strahlenderes Comeback: Mit dem Griff des Hongkong-Kinos zur cinematographischen Weltmacht, mit neuen Helden wie Chow Yun-Fat, Maggie Cheung oder Jet Li verklärte sich die Erinnerung an den Mann, der all das einmal angestoßen hatte. Überall, wo Konflikte mit körperlicher Gewalt gelöst werden - sei es in der "Matrix", bei Charlies Engeln oder bei unseren jungen ausländischen Mitbürgern - bleibt der Kung-Fu-Tritt die coole Königswaffe.

Doch wenn sogar Lees unglücklicher Sohn Brandon Lee in den neunziger Jahren eine kurze Karriere auf dem recycelten Charisma seines großen Vaters gründen konnte, dann lag das auch daran, dass die amerikanischen Schwarzen niemals so richtig aufgehört hatten, die Chinamänner "funky" zu finden. Der Wu Tang Clan, die wichtigste Hiphop-Gruppe der neunziger Jahre, inszenierte seine Auftritte als Attacke einer Gang schwarzer Shaolin-Mönche und nannte sein revolutionäres erstes Album "Enter the Wu Tang - 36 Chambers".

Auf diesem kleinen Umweg über Hiphop wurde die Symbolwelt der Bruce-Lee-Filme schließlich endgültig wieder in den Zeichenvorrat der zurzeit florierenden weltweiten Moden eingespeist. Die 37. Kammer der Shaolin ist ein Geschäft in einer der Szenemetropolen der Welt, wo sich gerade jetzt, in diesem Moment, eine junge schöne Frau, die niemals etwas von Bruce Lee gehört hat, ein Paar Schuhe kauft, auf die ein geflügelter Drache gestickt ist.