50 Jahre Philharmonie

„An der Philharmonie kann man nichts verändern“

50 Jahre Philharmonie – Der Intendant des Hauses spricht zum Festakt im Morgenpost-Interview über die einzigartige Architektur, die Zwänge des Denkmalschutzes und die Zukunft der Philharmonie.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Als Hausherr wird er am 20. Oktober die Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur empfangen. Viel Prominenz, voran die Bundeskanzlerin, wird erwartet. Intendant Martin Hoffmann begrüßt zu einem Festkonzert „50 Jahre Philharmonie“. Das vom Berliner Architekten Hans Scharoun erbaute Konzerthaus war am 15. Oktober 1963 eröffnet worden, und seither ist es der Sitz des weltberühmten Berliner Philharmonischen Orchesters. Martin Hoffmann, Jahrgang 1959, hat im September 2010 die Nachfolge von Pamela Rosenberg als Intendant angetreten. Der ausgewiesene Medienmanager hat sich vor allem um die Außenwirkungen der Philharmonie bemüht. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem Intendanten über den Denkmalschutz, die Zukunft des Kulturforums und was die Philharmoniker tun müssen, um weiterhin konkurrenzfähig zu sein.

Berliner Morgenpost: Herr Hoffmann, können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal die Philharmonie besucht haben?

Martin Hoffmann: Das erste Mal gesehen habe ich die Philharmonie bei unserer Abitur-Klassenreise 1978. Aber damals gab es Wichtigeres für mich in Berlin. Sehr in Erinnerung ist mir aber 1986, als ich einen Studienkollegen in Berlin besucht habe und wir beide in das legendäre Horowitz-Konzert wollten. Wir haben uns tapfer in die kilometerlange Schlange gestellt, aber keine Karten mehr bekommen. Zehn Meter vor uns war Schluss. Wir haben hinterher noch lange darüber diskutiert, auch weil die Karten so unheimlich teuer waren. Wir waren damals junge Referendare und hatten eigentlich kein Geld. Aber für das Konzert hatten wir gespart.

Jetzt sind Sie drinnen als Intendant: Worin besteht für Sie der Zauber der Hauses?

Das ist wie bei einem Kunstwerk: Man entdeckt an dem Bauwerk immer neue Dinge. Aber der große Zauber entsteht im Saal. Man muss einfach mal die Augen schließen und sich fragen: Wann ist dieser Saal gebaut worden? Man kann ihn keiner Zeit zuordnen. Das ist sein Geheimnis. Das ist beim Foyer übrigens anders. Bei dem weiß man sofort, wann es gebaut wurde. Es hat seine fünfzigjährige schöne Patina.
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Wenn Sie Gäste durchs Haus führen, was zeigen Sie am liebsten?

Einer guten Tradition folgend zeige ich am liebsten das Schlagzeugzimmer. Es ist einfach faszinierend zu sehen, was es so alles an Schlagwerk gibt. Dann folge ich meiner Dramaturgie: Vom hinteren Eingang, dem Karajan-Eingang, gelangt man unheimlich schnell auf die Bühne. Der kurze Weg in den Saal beeindruckt die Leute heute immer noch.

Fünfzig Jahre ist das Haus alt, im Foyer sind die alten Telefonzellen ohne Telefone zu sehen. Es herrscht der Denkmalschutz. Was würden Sie gerne im Haus verändern?

Man kann an dem Haus nichts verändern, und das ist gut so. Das Haus braucht keine Veränderung. Ein schönes Beispiel sind die Sitze, die wir, jeweils in der Saisonpause, überprüfen, um sie gegebenenfalls neu bespannen zu lassen. Die Farbe der Sitze ist weltweit einmalig. Die Stoffe werden nur noch für uns produziert. Genauso wie die Stühle der Musiker, auch sie wurden, ganz im Sinne des Gesamtkunstwerkes, für die Philharmonie gestaltet. Sicherlich würde man heute manches anders machen. Ich denke da vor allem an die Bewirtungstheken. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann ein Restaurant, in dem man den Abend kulinarisch ausklingen lassen kann.

Sie sind also mit dem Denkmalschutz zufrieden?

Es ist doch sehr gut, dass das Juwel Philharmonie so sorgsam gepflegt wird. Obwohl man gelegentlich auch einmal ins Zweifeln kommt. Ihr Beispiel mit den Telefonzellen finde ich sehr passend: Da sind längst keine Telefone mehr vorhanden. Aber vielleicht hilft es ja der Handy-Generation in der Zukunft sich zu erinnern, dass es einmal so etwas wie Telefonzellen gab.

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Architekt Hans Scharoun hatte Anfang der 60er-Jahre ein Konzept für das Kulturforum vorgelegt, einiges, wie der Kammermusiksaal oder die Staatsbibliothek, wurde gebaut, anderes blieb unerfüllt. Die Diskussion bleibt. Gerade erst hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz unweit einen Museumsneubau angekündigt. Was wünschen Sie sich fürs Kulturforum?

Richtig ist, dass hier seit Jahrzehnten nichts mehr passiert ist. Ich halte die gesamte Raumordnung für ungenügend. Man schaue sich nur die sogenannte Piazzetta der Gemäldegalerie an, das Ganze bietet keine städtebauliche Orientierung. Dabei befinden wir uns im Herzen Berlins. Gerade hat der Architekt Stephan Braunfels einen interessanten städtebaulichen Vorschlag für das Kulturforum vorgelegt, weil er den ursprünglichen Gedanken von Scharoun aufgreift und den Platz lebendig werden lassen möchte. Bei seinem Entwurf werden die einzelnen Baukörper, ob Philharmonie, Staatsbibliothek oder Gemäldegalerie, wieder verbunden. Problematisch dabei ist sicher, wie das Verkehrsaufkommen bewältigt werden kann. Jedenfalls müssen wir über solche Konzepte wieder intensiv diskutieren.

Der Potsdamer Platz und die Philharmonie, das kommt einem wie zwei Welten vor?

Wir haben zwei Phänomene. Die Leute kommen abends ins Konzert und gehen danach schnell wieder, dagegen drängeln sich Tausende am Tag durch die Potsdamer-Platz-Arkaden. Offensichtlich findet man den Weg zu uns und den Museen nur sehr vereinzelt. Dann sehen wir wiederum bei unseren Lunchkonzerten jeden Dienstag, dass fast immer 1400 Leute kommen, sodass wir manchmal wegen Überfüllung schließen müssen. Das ist also eine situative Nutzung. Das Areal ist demnach nichts für Kulturflaneure. Dabei gibt es hier soviel Großartiges zu entdecken. Denken Sie nur an die Gemäldegalerie, bei deren exquisiter Sammlung müsste man überall anders auf der Welt Besuchszeiten anfragen.

Ihre Besucher strömen abends auch über den Parkplatz. Ist jemals damit zu rechnen, dass eine Bebauung erfolgt?

Der Masterplan des Senats sieht ja für die Philharmonie an dieser Stelle einen Ergänzungsbau vor. Den benötigen wir dringend, wie auch einen kleinen Saal für Kammermusik.

Der Zeitgeist schreit nach Visualisierung, auch von Musik. Herbert von Karajan wusste schon darum. Was muss eine Philharmonie heutzutage anbieten, um gegenüber den Opernhäusern konkurrenzfähig zu bleiben?

Wir sind konkurrenzfähig. Am Genius loci des Konzertsaals muss man nichts ändern. Er hat sich fünfzig Jahre bewährt. Wir müssen darauf achten, die Architektur zu bewahren. Ein schönes Beispiel ist das Silvesterkonzert, weil wir immer über eine zusätzliche Inszenierung etwa durch Licht reden. Es soll ja kein Alltagskonzert sein, sondern etwas Festliches. Aber wir tun uns regelmäßig damit schwer. Ich hatte mal einige Bühnenbildner gebeten, ob sie etwas entwickeln können. Sie haben fantastische Entwürfe gemacht. Aber sie brachte nie eine wirkliche Verbesserung. Der Konzertsaal braucht kein Tuning.

Sir Simon Rattle hat seinen Abschied für 2018 angekündigt, inwieweit sind Sie in die Nachfolgerdiskussionen eingebunden?

Es ist eine originäre Aufgabe des Orchesters, insofern bin ich nicht in diesen Findungsprozess mit eingebunden. Aber ich bin von der Brillanz des Orchesters auch bei der Findung ihres nächsten Chefdirigenten vollständig überzeugt. Es gibt einen klaren Prozess, der im Orchesterstatut geregelt ist. Und das Orchester fängt gerade an, darüber nachzudenken. Natürlich wird viel darüber spekuliert, es ist schließlich eine der herausragenden Positionen im weltweiten Musikbetrieb.

Wir haben 2013, Sie sind nicht in die Findung involviert, Sir Simon hat im Interview kürzlich gesagt, er werde garantiert nicht befragt. Die Musiker entscheiden gerade alleine darüber, wie es 2018 weiter geht. Was für ein merkwürdiger Luxus für ein subventioniertes Orchesters?

Ich finde das Modell nachhaltig gut. Das ist doch die wichtigste Entscheidung für das Orchester. Sie wollen die Besten sein. Wer steht den 128 Exzellenzen vor? Die Musiker müssen mit Ihrem Chefdirigenten ja fast täglich künstlerisch zusammenarbeiten. Da ist es doch klug und richtig, dass Sie diese Entscheidung auch selbst verantworten.

Manager sind heutzutage da, Unternehmen zu entwickeln. Was wird sich in den nächsten 50 Jahren bei den Philharmonikern am meisten verändern müssen?

Wir haben über das Gebäude gesprochen. Die inhaltliche Arbeit steht natürlich nicht unter Denkmalschutz. Die Aufgaben sind klar. Wir müssen für diese Institution die Finanzierung sichern und die Akzeptanz in der nachwachsenden Generation erhalten und fördern. Am Wichtigsten ist aber, dass wir alles dafür tun, die Exzellenz der Philharmoniker zu erhalten.