Gastbeitrag

Wolfgang Schäuble und seine Liebe zur Philharmonie

Wolfgang Schäuble gehört zu den regelmäßigen Besuchern de Philharmonie. In einem Gastbeitrag schreibt er über die besonderen Vorzüge des Scharoun-Baus – architektonisch und musikalisch.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Berlin bietet viele Vorzüge. Einer von ihnen, den man als Zugezogener rasch zu schätzen weiß, ist das einmalige Musikleben in dieser Stadt. Seit ich vor beinahe 15 Jahren als Bundestagsabgeordneter von Bonn nach Berlin kam, hat es nur wenige Monate gegeben, in denen ich das große kulturelle Angebot nicht nutzen konnte. Zu etwas Einzigartigem macht das musikalische Leben in Berlin seine Vielfalt: In welcher anderen Stadt gibt es sieben hochklassige Orchester und drei Opernhäuser? Sie alle haben Besonderes zu bieten. Und ich habe in vielen Berliner Musikstätten bewegende und anrührende, dramatische und aufwühlende Aufführungen erlebt.

Zugleich habe ich – wie sicherlich auch viele Berliner – meinen persönlichen Favoriten. Für mich ist das die Philharmonie. Keinen anderen musikalischen Ort besuche ich öfter in Berlin. Zu keinem fühle ich mich so hingezogen. Mit keinem anderen verbinden mich so viele einmalige Musikerlebnisse.

Dies hat vor allem damit zu tun, dass die Philharmonie die Heimat der Berliner Philharmoniker ist – eines der besten Orchester der Welt. Die Qualität der einzelnen Musiker ist zum Teil atemberaubend. Guy Braunstein, der scheidende Erste Konzertmeister des Orchesters, ist gleichzeitig einer der herausragenden Solisten seiner Generation. Ich habe den Intendanten einmal im Scherz gefragt, warum die Philharmoniker mit solchen Musikern in ihren Reihen überhaupt noch andere Solisten hinzuladen. Und doch steht die Virtuosität der einzelnen Instrumentalisten dem Gesamtklang des Orchesters nie im Weg. Vielmehr verbinden sich die einzelnen Stimmen unter der Leitung ihres Dirigenten zu diesem einmaligen Klang, der für mich die Berliner Philharmoniker ausmacht.

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Die Perfektion dieses Orchesters beruht für mich nicht zuletzt auf seiner Vielseitigkeit: Eine klassische Sinfonie, die viele der Besucher schon oft gehört haben werden, wird in der Aufführung der Philharmoniker zu einem ganz neuen Hörerlebnis. Zugleich wird dem Konzertbesucher durch behutsame Interpretation des Orchesters die Begegnung mit neuen, unvertrauten und manchmal zunächst weniger zugänglichen Kompositionen zeitgenössischer Komponisten ermöglicht.

Zu einem solchen oft fast perfekten Klang gehört natürlich auch ein passender Raum. Ohne ihn wäre selbst die beste Musik unvollständig. Musik muss gehört werden. Sie muss klingen. Wie sehr bedauern wir es, wenn eine gute Aufführung durch schlechte Akustik verdorben wird. Diese Sorge muss man in der Philharmonie glücklicherweise nie haben. Der einmalige Klang des Philharmonischen Orchesters findet sein Pendant in der gleichermaßen einmalig guten Akustik seiner Spielstätte. Bei diesem Orchester möchte man keinen Ton missen – und man muss es in der Philharmonie auch nicht.

Der Zuschauer ist Teil der Aufführung

Dabei ist der Raum nicht nur für die Akustik wichtig. Der richtige Raum macht den Zuhörer zum Teil der Aufführung, nimmt ihn in die Welt der Musik mit auf. Das ist ja gerade das Besondere an einer Konzertaufführung und unterscheidet sie selbst von der besten CD-Aufnahme, die man sich zu Hause anhören kann: Die vielen und ganz unterschiedlichen Besucher tauchen ein in die Atmosphäre, die durch den Musikvortrag geschaffen wird. So kommt es zu einer Kommunikation zwischen denen, die musizieren, und denen, die zuhören. Damit dies in eben jener Perfektion gelingt, die ich bei meinen Besuchen der Philharmonie gewohnt bin, braucht es neben hervorragenden Musikern ebenso den richtigen Raum. Welch ein Glück für die Berliner, dass ihr bestes Orchester über ein ebenso perfektes Haus verfügt!

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Über die Philharmonie schreibe ich nicht als Architekturkenner oder gar als Kunsthistoriker. Für mich ist sie der Ort, an dem auf ganz besondere Weise die von den Philharmonikern aufgeführte Musik Wirklichkeit wird. Und doch lässt sich beides nicht trennen. Die Architektur von Hans Scharoun möchte ganz der Musik dienen. So hat er es selbst ausgedrückt. Sein Bau ist bewusster Gegenentwurf zur Tradition repräsentativer Konzerthäuser. Es geht ihm nicht darum, durch ein prunkvolles Bauwerk zu zeigen, dass ein finanzkräftiger Fürst oder Mäzen der Musik einen großen Stellenwert im Leben seiner Stadt verleihen wollte. Vielmehr sollte die Musik selbst im Mittelpunkt stehen. Dies war das Credo des Architekten. Und jeder, der schon einmal in der Philharmonie war, kann sicherlich bestätigen, dass Scharoun sein Ziel erreicht hat.

Bereits in der Formulierung Scharouns von der Musik als Mitte steckt eine Doppeldeutigkeit: Das Gebäude soll die Wirksamkeit der Musik unterstützen und findet darin seinen Zweck. Wörtlich genommen bedeutet es aber auch, dass die Musik „in der Mitte“ stattfindet. Und genau dies wird in der Philharmonie realisiert und gibt ihr ein einmaliges Gepräge. Wie eine Gemeinschaft von Kunstfreunden sitzen die Zuhörer um das Orchester herum. Die Musik wird im wahrsten Sinne des Wortes „in der Mitte“ gespielt. Dadurch entsteht eine besondere, einmalige Atmosphäre, in der die Musiker und ihr Publikum zusammenfinden. Dieses nahe, beinahe intime Beieinander ist besonders im Kammermusiksaal zu spüren.

Ein ästhetischer und eindrucksvoller Bau

So sehr das Gebäude von Scharoun primär für die Musik erbaut ist, so sehr ist es zugleich ein bemerkenswert ästhetischer und eindrucksvoller Bau. Nicht ohne Grund zählt die Philharmonie mit ihrem zeltartigen Dach seit langem zu den markantesten Bauwerken Berlins. Dem Architekten, dessen Verhältnis zu seiner Stadt ja nicht immer ganz einfach war, ist hier ein Meisterwerk gelungen, das aus dem heutigen Stadtbild nicht wegzudenken ist. Seit dem Fall der Mauer ist es vom östlichen Rand Westberlins direkt ins Zentrum der wiedervereinigten Stadt gerückt. Vielleicht kann und sollte man daher heute Scharouns Motto von der Musik als Mittelpunkt auf Berlin selbst anwenden, da die Stadt ein solches Gebäude in ihrem Zentrum hat. Musik steht in und für Berlin tatsächlich mehr im Mittelpunkt als in den meisten anderen großen Städten der Welt. Daran lohnt es sich anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Berliner Philharmonie zu erinnern. Und daran – so hoffe ich – wird sich auch in den kommenden fünfzig Jahren nichts ändern.