Ausstellung

Mit Bleistiftstrichen entwarf Hans Scharoun die Philharmonie

Vor 50 Jahren wurde die Berliner Philharmonie festlich eingeweiht. Im Foyer erinnert nun eine Ausstellung an den Architekten Hans Scharoun. Er entwarf den revolutionären Konzertsaal und das Zirkuszelt.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Gleich am Eingang zur Philharmonie ist er zu sehen: Architekt Hans Scharoun, wieder mal mit Zigarre. Aber man muss schon zweimal hinschauen. Was Fotos kaum zeigen können: Ein Genussmensch soll er gewesen sein, und in der Sache immer geradeaus.

Vor 50 Jahren wurde seine Philharmonie festlich eingeweiht, eine Ausstellung im Foyer versucht, an ihn zu erinnern. Am Donnerstag, rechtzeitig zum Festkonzert am 20. Oktober, wird die Schau eröffnet.

Auf mehreren Bildwänden sind eine Kurzbiografie, viele Fotos, darunter erstaunliche Ansichten der Philharmonie und reichlich Zitate wichtiger Menschen zu finden. Aber hinter allem bleibt der Architekt als Person doch irgendwie versteckt.

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Am lustigsten wird das auf einem Gruppenfoto zur Grundsteinlegung am 19. September 1960 deutlich. Eine Gruppe von Machern hat sich aufgestellt: Auf der linken Seite steht zum Beispiel Willy Brandt, seinerzeit Regierender Bürgermeister von Berlin. Er wirkt freundlich gelassen, aber sein Blick will den Betrachter auf sich ziehen. In der Mitte des Fotos steht ein flotter, sportlicher, etwas kesser Typ mit Sonnenbrille, der vor allem eines ausstrahlt: Ich bin hier der Chef. Es ist Herbert von Karajan. Ganz rechts außen findet sich der Architekt, aber er ist von irgendetwas abgelenkt, er schaut aus dem Bild. Hans Scharoun ist dabei und irgendwie auch nicht. Es sind vor allem die anderen, die sich mit seinem revolutionären Konzertsaal schmücken werden.

Ein Musiker oder Musikkenner war der am 20. September 1893 in Bremen geborene Hans Scharoun jedenfalls nicht. Ein Künstler zutiefst innerst schon. Er studierte Architektur an der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin. Im Architekturbüro von Paul Kruchen sammelt er erste Erfahrungen. Während des ersten Weltkriegs und danach bleibt er sein Mitarbeiter beim Wiederaufbau zerstörter Ortschaften in Ostpreußen. Dieser pragmatische Planer ist ein wichtiger Teil von ihm, und Scharoun wird mit seinen bislang unerfüllten Vorstellungen des Kulturforums, wenn man so will einer kleinen Kulturortschaft inmitten Berlins, bis heute diskutiert.

Jede Menge vertrackte Winkel und Verläufe

Im Foyer ist jetzt Scharouns Modell ausgestellt. Es erinnert an Hügel und Täler. Der Raum zwischen den Hügeln Staatsbibliothek, Philharmonie und Gemäldegalerie ist heute noch unbebaut. Ursprünglich sollte dort ein Gästehaus entstehen. Über die Brache wird wohl noch lange diskutiert werden. Ausstellungsmacher Helge Grünewald sagt, das Thema Kulturforum sei eine Extraausstellung wert. Vielleicht im Frühjahr.

Die Idee des Weinbergs mit seinen Hügeln, den Zuschauerplätzen, um ein Tal herum, wo derzeit Chefdirigent Sir Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker steht, hat Hans Scharoun im Saal seiner Philharmonie wieder aufgegriffen. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der organischen Architektur, nach der sich das Bauwerk aus seiner Funktion heraus zu entwickeln hat. In der Ausstellung wird Karajans großer Intendant Wolfgang Stresemann zitiert, der wiederum auf Schopenhauers Ausspruch „Architektur ist gefrorene Musik“ Bezug nimmt.

Stresemann vergleicht die Philharmonie mit einer Orchesterpartitur und macht eine vielstimmig farbige Musik aus. Anders gesagt: Es geht drunter und drüber. Es wird nie eindimensional. Das ist Scharoun. Die revolutionäre Linienführung hat selbst den Ausstellungsmacher, der seit 24 Jahren im Haus arbeitet, bei der Zusammenstellung der Exponate wieder überrascht. Was der Architekt alles an vertrackten Winkeln und Verläufen im Kopf hatte.

„Die Philharmonie war ein riesiges Experiment", sagt Helge Grünewald. Schließlich gab es noch keine Computer, und für die Handwerker war es seinerzeit eine echte Herausforderung, die Ideen umzusetzen. Weinberge sind von Natur aus eine schiefe Angelegenheit. Wer Scharouns Philharmonie entdecken will, so Grünewald, der müsse sie bewandern.

Scharoun bewohnte eine selbst konzipierte Wohnung

Bereits Ende der Zwanzigerjahre war Scharoun an der Errichtung der Großsiedlung Siemensstadt beteiligt. Bis 1960 lebte er dort in einer Mietwohnung. Dann, bis zu seinem Tode, bewohnte er eine zweigeschossige Atelierwohnung in einem der von ihm 1956 konzipierten Wohnblöcke der Siedlung Charlottenburg-Nord. Wohnungsbau und Siedlungsplanungen prägten sein Architektenleben.

Die Ausstellung zeigt einiges davon. Das letzte von Scharoun entworfene Gebäude, das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, wurde 1975 eröffnet. „Vom Ausbruch des Krieges an bis zur Kapitulation entstanden Tag für Tag Zeichnungen, Aquarelle, Entwürfe“, erinnerte sich Scharoun 1967: „Sie entstanden aus Selbsterhaltungstrieb und aus dem Zwange, sich mit der Frage der kommenden Gestalt auseinanderzusetzen.“ Die Zeichnungen, Entwürfe sind ein Thema für sich.

Sie lassen sich verschieden deuten – künstlerisch oder pragmatisch. Gern wird auf maritime Elemente hingewiesen, auf stromlinienförmige Schiffe mit Brücken und Treppen und Bullaugen. Aber das ist eher die pragmatische Deutung. Dahinter steckt einiges mehr, nämlich ein Stück des Scharounschen Innenlebens.

Die „Urskizze“ zur Philharmonie entstand 1956

Gezeigt wird natürlich seine „Urskizze“ für der Philharmonie. Er hat sie 1956 mit Bleistift und Farbstiften auf Papier hingeworfen. Ein Künstler spinnt. Die Philharmonie ist deutlich innen und außen zu erkennen. Es bleibt phänomenal. Grünewald zeigt außerdem einen Entwurf in Aquarell, der zwischen 1939 und 45 entstanden ist und ihn selbst überrascht hat. „Dachwölkchen beweglich“ ist eine Vorwegnahme von Philharmonie-Details. Die Wölkchen könnten Drachenflügel auf einem Burgdach sein oder auch ein versteckter Engel.

Ein frühes Aquarell von 1919 preist sich als Theaterentwurf. Auf den ersten Blick könnte es sich um ein Zirkuszelt handeln. Viele große Künstler fühlen sich zum circensischen Ulk und vor allem der Maskerade hingezogen. Dass der Berliner Volksmund die Philharmonie schnell als Zirkus Karajani ausgemacht hat, kommt wohl nicht von ungefähr. Die Leute haben es gespürt: Die ganze Philharmonie steckt voller kindlicher Fantasie. Ein großer Spielplatz. Karajan inklusive.

Viele Nachbauer weltweit

Viele haben sich seither an Scharouns Fantasie entzündet. Die Berliner Philharmonie ist ein Prototyp für die moderne Konzertwelt geworden. Allein elf Nachbauten werden in der Ausstellung gezeigt und erklärt. Dazu gehören bereits auch das vom Stardirigenten Kurt Masur in Leipzig voran getriebene Neue Gewandhaus (1981 eröffnet), das äußerlich unverwechselbare Sydney Opera House (1973), das faszinierende Auditorium Parco Della Musica Rom (2002) oder die Walt Disney Hall (2003) in Los Angeles. Der Fantasie scheinen heute keine Grenzen mehr gesetzt zu sein. Was gerade auch für die Baukosten gilt.

Unter den Nachbauten findet sich auch die spektakuläre Elbphilharmonie im alten Hamburger Hafenviertel, die leider vor allem wegen der Kostenexplosion von sich reden macht. Man steuert bereits auf 800 Mio. Euro an Subventionen zu. Begonnen wurde mit dem Bau 2007, die Bürgerschaft hofft, die Elbphilharmonie 2017 einzuleben. Die Berliner Philharmonie wurde seinerzeit in nur 37 Monaten erbaut, sie hat rund 17 Mio. DM gekostet. Erst Ende der Siebzigerjahre kam die Fassadenverkleidung hinzu. Nicht alles Exquisite muss unverschämt teuer sein.

Was die Akustik angeht, glaubt auch Helge Grünewald, ist der Philharmonie die Suntory Hall in Tokyo am ähnlichsten. 1989 wurde die Plaza vorm Eingang nach Herbert von Karajan, dem Berater, benannt. Der Zirkus Karajani ist einfach ein gutes Lebensmodell.

---> Alles über 50 Jahre Berliner Philharmonie