Gastbeitrag

Berliner Philharmonie - ein Haus wie vom anderen Planeten

Star-Dirigent und Pianist Daniel Barenboim ist seit über fünf Jahrzehnten in Hans Scharouns Philharmonie regelmäßig zu Gast. Bis heute verbindet er viele schöne Erinnerungen mit dem Konzerthaus.

Foto: M. Lengemann M. Lengemann

Die Berliner Philharmonie ist einer meiner absoluten Lieblingssäle weltweit. Ich glaube, in den vergangenen fünfzig Jahren bin ich dort in jeder Saison aufgetreten, entweder als Pianist oder als Dirigent. Mein erstes Konzert in Berlin habe ich aber noch im Konzertsaal an der Hardenbergstraße gespielt, wo damals alle spielten, ob die Berliner Philharmoniker oder das Rias-Orchester.

Meine Verbindung zu den Philharmonikern reicht in den August 1954 zurück. Ich spielte Wilhelm Furtwängler, dem damaligen Chefdirigenten, in Salzburg vor. Ich war gerade mal elf Jahre alt. Angeblich hat ihm mein Vorspiel gefallen, er hat mich eingeladen. Aber mein Vater meinte, für eine jüdische Familie, die von Argentinien nach Israel gezogen ist, wäre es ein bisschen zu früh, nach Deutschland zu gehen. Es war gerade mal neun Jahre nach Kriegsende. Furtwängler hat das verstanden. Ich bin also nicht nach Berlin gekommen.

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Es war 1962, als ich eine Einladung vom Rias-Orchester bekam. Das wollte ich gerne machen und habe auch mit meinem Vater darüber gesprochen. Mein erstes Berliner Konzert war im Mai 1963. Der damalige Philharmoniker-Intendant Wolfgang Stresemann kam auf mich zu, er wusste von der Furtwängler-Geschichte und hat mich sofort eingeladen.

Das Programm war fast fertig

Eigentlich war es für mich auf den ersten Blick ein uninteressantes Angebot. Damals hat man die Konzertprogramme erst ziemlich spät verabredet, heute planen wir drei, vier Jahre voraus. Stresemann erzählte mir von der ersten Spielzeit in der neuen Philharmonie. Aber das Programm sei schon fertig, es gäbe nur noch ein Programm in der Reihe „Musik des Jahrhunderts“, für das noch kein Solist benannt worden war.

Es sollte ein junger französischer Komponist namens Pierre Boulez dirigieren. Der wollte unbedingt das erste Klavierkonzert von Bartok dirigieren. Wenn Sie spielen wollen, sagte Stresemann zu mir, dann das Programm, wenn nicht, dann kommen Sie eine Spielzeit später. Damals wurde Bartoks erstes Klavierkonzert nur sehr selten gespielt. Ich kannte das Stück nicht.

Ich habe mir also die Noten besorgt und war sofort in das Stück verliebt. Dann habe ich für Juni 1964 zugesagt. Und so habe ich bereits in der ersten Spielzeit der neuen Philharmonie gespielt. Rückblickend war das für mich deshalb so wichtig, weil ich das erste Mal mit Boulez gespielt habe. Uns verbindet seither eine enge Freundschaft, ich habe auch immer wieder seine Stücke aufgeführt.

Die Philharmonie bleibt das Original

Das Erstaunliche an der Philharmonie, die irgendwie von einem anderen Planeten kam, ist, dass sie immer noch modern geblieben ist. Am Anfang gab es einige akustische Dinge, von denen man sich wünschte, dass sie verbessert werden. Das wurde auch schnell behoben. Sicherlich kann man den Konzertsaal nicht mit dem Wiener Musikverein oder anderen historischen Sälen vergleichen.

Aber das ist wie mit der Kleidung, die wir tragen. Man kann nicht die Modelle von vor 200 Jahren mit der heutigen Mode vergleichen. Tatsächlich sind viele gute Konzertsäle nach dem Modell der Philharmonie weltweit entstanden, in Spanien mehrere oder auch in Japan. Für mich bleibt aber die Philharmonie das Original. Mal abgesehen von den wunderbaren Berliner Philharmonikern.

Wenn man zum ersten Mal in den großen Saal hineingeht, sieht man einen Teil des Publikums hinter dem Orchester sitzen. Man denkt sofort, das kann dort doch gar nicht gut klingen. Schließlich scheint das Orchester in die falsche Richtung zu spielen.

Unverkäuflicher Klavierhocker

Kürzlich haben wir mit meiner Staatskapelle in der Philharmonie geprobt und ich bat meinen Assistenten zu dirigieren, weil ich das einmal nachprüfen wollte. Ich bin um das Orchester herum gegangen. Es klang überall sehr gut. Ich selber mag es auch, wenn kein Chor im Konzert mitwirkt, dass deren Plätze mit Publikum besetzt sind. Leere Bänke sind für Künstler nichts Schönes.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Philharmonie, mit Klavierabenden, mit den Philharmonikern, meiner Staatskapelle, der Chicago Symphony. Ich könnte nicht sagen, was das schönste Erlebnis war, aber ich habe es immer besonders genossen, dort Klavierabende zu geben. Bei den Klavierkonzerten ist es schön, weil es im Raum sehr gut klingt. Dann ist es auch angenehm, wenn das Publikum um einen rund herum sitzt. Für mich ist es ein schönes Gefühl. Aber jeder Künstler ist anders, der eine will mehr Abstand zum Publikum, andere suchen die Nähe.

Es erinnert mich an den großen polnischen Pianisten Arthur Rubinstein. Ich war dabei, als er 1960 in Madrid in einem Theater spielte. Zuvor war ich mit ihm zum Mittagessen verabredet. Er sagte: Komm ins Hotel und dann müssen wir noch einmal kurz ins Theater, weil ich mir den Saal vorm Konzert anschauen will. Wir kamen also hin und die Bühne war übervoll mit Stühlen.

Berlin braucht einen dritten Konzertsaal

Der Konzertveranstalter war etwas nervös, weil Rubinstein vielleicht sagen könnte, dass es ihn störe. Aber Rubinstein ging zu seinem Klavierhocker und sagte ihm, er könne ruhig alles verkaufen, nur bitte diesen Platz nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es manchem Künstler in der Philharmonie zu nah ist.

Was die Philharmonie betrifft, gibt es noch etwas anderes zu besprechen. Es gibt mehrere große Orchester in Berlin und sie wollen alle in der Philharmonie spielen. Überhaupt wollen alle Orchester der Welt in Berlin spielen. Aber es gibt – rein praktisch gesehen – Planungsprobleme. Ich denke, dass Berlin neben der Philharmonie und dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt bald einen dritten Konzertsaal braucht. Wir kommen langsam dahin.