50 Jahre Philharmonie

Der Mann, der für den guten Ton sorgt

Die Berliner Philharmonie ist das wohl am besten klingende Wohnzimmer von Berlin. Tonmeister Klaus-Peter Groß erklärt, wie das Haus zu seiner ausgezeichneten Akustik kommt.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Heute haben wir einen kleinen Tipp für Sie, wenn Sie die akustischen Verhältnisse in Ihren privaten Räumen konzerttauglich verbessern möchten. Und zwar: Verdrecken lassen! – Um den Hall zu dämpfen, um Schallwellen zu brechen und die Musik bestmöglich klingen zu lassen, gibt es – akustisch gesehen – nichts Besseres als Staub. Die drallbusigen Karyatiden im legendären Wiener Musikverein ebenso wie die Gipsköpfe im Berliner Konzerthaus wissen, wovon die Rede ist. Sie sind allesamt schön verstaubt. Der Saal klingt umso besser.

Wer glaubt, ein staubtrockeneres Thema als die Akustik der Philharmonie gebe es überhaupt nicht, liegt trotzdem schief. Klaus-Peter Groß, Chefakustiker der Philharmonie seit 1992, trägt nicht umsonst eine Le Corbusier-Hornbrille, an der man den schöngeistigen Mittler zwischen Kunst und Technik erkennen kann. „Mozart regt den Raum weniger an als Mahler“, geht er fachkundig in die Vollen.

Der gelernte Tonmeister spielt privat Klavier, Gitarre und andere Instrumente. Bei Aufnahmen von Claudio Abbado und Simon Rattle ist er es, der für den guten CD-Ton sorgt. Sein Arbeitsplatz befindet sich in Studio 3. Das ist – von den vier Fenstern, die man links oben über der Ehrenloge sehen kann – das Fenster links oben. Rechts davon, knapp unter der Decke, hockt gegebenenfalls ein Moderator am gläsernen Tisch. Und blickt herab.

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Klaus-Peter Groß kennt die Tücken der Philharmonie aus dem Effeff – und auch ihre unschlagbaren Stärken. „Die Philharmonie ist, akustisch gesehen, einer der leichtesten Säle, weil er von sich aus gut klingt.“ Den Job des Herrn Groß macht das leichter, denn: „Je schlechter die Akustik, desto stärker müssen wir ran!“, so der Sound-Checker. Den Saal selber kann man durch Hub-Podien, eingebaut erst in den 70er-Jahren, klanglich verändern. Und durch die Klangsegel über dem Orchester. „Aber die Segel sind, so lange ich hier bin, kaum je verändert worden.“

Hört man dies, so kann man die Eingewöhnungsprobleme, die es 1963 viele Jahre gab, kaum nachvollziehen. Doch es gab sie. Nicht nur reagierten einige Dirigenten, zum Beispiel der alte Haudegen Hans Knappertsbusch, konsterniert auf die Idee, am tiefsten Punkt eines Saales zu dirigieren. Mit dem Publikum über sich! Knappertsbusch lehnt es ab, hier aufzutreten. Auch erwies sich bei der Einweihung am 15. Oktober 1963 (mit Beethovens Neunter), dass die Streicher im neuen Saal matt und blutleer klangen. Dies führte dazu, dass das Podium erhöht wurde. Heute lässt sich durch eine stufenlose Hydraulik die akustische Basis von Konzert zu Konzert ändern.

Man sollte dennoch nicht verhehlen, dass es lange Jahre dauerte, bis die von Herbert von Karajan unterstützte Idee einer kreisförmigen Anordnung der Sitzränge zu befriedigenden Klangergebnissen führte. Wer die Berliner Philharmoniker optimal hören wolle, so hieß es noch viele Jahre, müsse ihnen woanders lauschen – zum Beispiel auf Tournee. Derlei Vorbehalte kann man sich heute kaum noch vorstellen, da bei jedem neu zu bauenden Konzertsaal in aller Welt die Vorbildhaftigkeit dieses Pionier-Baues nachweisbar ist.

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Für die akustischen Anlaufschwierigkeiten des Hauses gibt es bis heute einen erstaunlichen Beleg. Als Schallplattenstudio nämlich etablierte sich die Philharmonie erst in allerjüngster Zeit. Noch Claudio Abbado, erst recht Herbert von Karajan bevorzugten für Aufnahmen die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. Und das, obwohl dort Raummiete zu zahlen war, obwohl das technische Equipment in Dahlem jedes Mal mitgebracht und eingebaut werden musste. Und obwohl die einzelnen Orchestergruppen in der beengten Kirche gleichsam über- und untereinander Platz finden mussten.

Erst Simon Rattle bevorzugte grundsätzlich die Philharmonie. Gewiss aus Kostengründen. „Auch früher haben die Schallplattenfirmen, sofern es in der Philharmonie zu CD-Produktionen kam, ihre eigene Technik mitgebracht“, so Klaus-Peter Groß. Die vier Übertragungsstudios, die als Falkenhorste hoch oben über der Ehrenloge (linke Seite) thronen, wurden erst 1992 ausgebaut. Im Übrigen existiert ein Tonstudio rechts oberhalb vom Podium (neben der Orgel), das für CD-Aufnahmen und für die Digital Concert Hall genutzt wird. Von hier aus sieht man nicht einmal in den Saal. (Das Fenster, das man dort erblickt, gehört stattdessen zur Lichtregie.)

Aufgabe ist das „Herstellen nach Partitur“

„Meine Aufgabe ist das Mischen von Klangbildern, das Herstellen nach Partitur“, sagt Klaus-Peter Groß über seinen Job bei Arte-Übertragungen, Mitschnitten und CDs. „Ein Dirigent wie Herbert von Karajan interessierte sich noch sehr für die konkrete Arbeit an den Reglern; seinen Nachfolgern ist dies nicht mehr so wichtig.“ Grundlage der akustischen Abbildung in der Philharmonie sind stets die über 40 kleinen Mikrofone, die direkt über dem Orchester aufgehängt werden können und eine differenzierte Abmischung der einzelnen Gruppen ermöglichen. „Es gibt zwei Hauptmikrofone, die etwas höher hängen.“ Darunter dann 20 bis 40 variable Stützmikrofone. „Was hängt, ist auch an“, sagt Groß. Die Hängung wird vor jedem Konzert verändert.

Nun verraten wir noch ein Betriebsgeheimnis jeder Schallplattenaufnahme in der Philharmonie. Wenn ein Chor dabei ist, so Groß, dann kriegt dieser in der Philharmonie bei CD-Aufnahmen grundsätzlich ein bisschen zusätzlichen Hall verpasst. Denn: „Ein Chor als solcher klingt immer zu trocken“, sagt Groß. Ebenso die Holzbläser, zum Beispiel die Oboen, und die Harfen erhalten durch elektronischen Nachhall eine leichte akustische Gloriole. Dann klingt’s besser.

Wie bei Lieutenant Uhura in „Raumschiff Enterprise“

Ein harmlos aussehendes Manual in Studio 3 sorgt für diese geheime Hall-Hilfestellung. Das Studio selbst ist dunkel. Das Fenster verhängt. Hier sieht es bei all den Schaltflächen und Pultflimmereien eher aus wie bei Lieutenant Uhura in „Raumschiff Enterprise“. Nur wenn ein Moderator im Saal verstärkt werden muss, verlässt Herr Groß seine Kommandozentrale – und zeigt sich samt Mischpult höchstselbst im Saal.

Dass die Philharmonie, im Endeffekt, so gut gelingen würde, zu dieser Erwartung berechtigten ursprünglich die vielen ungeraden Wände. Grundsätzlich stellen sämtliche Parallelen in einem Konzertsaal phonetisch Gefahren dar. Denn die Schallwellen können sich an ihnen nicht brechen, sondern werden reflektiert. Das kann zu Echos und zu Markthallen-Effekten führen; weshalb in Schuhschachtel-Sälen immer durch Stuck und Verzierungen dagegen angebaut werden muss. Auch in der Philharmonie dienen die rauten- und dreiecksförmigen Deckenelemente der zusätzlichen Schallbrechung.

Anordnung ist schwierig für Volksmusik, Opern und Oratorien

Richtige Probleme gibt die piazzaförmige Anordnung rund um das Podium nur für Vokalmusik. Deren „Abstrahlrichtung“ (nach vorne) bedeutet, dass man von hinten, aus Block H und K, wenig hört. Ein bekanntes Problem für dortige Zuschauer bei Opern- oder Oratorienaufführungen. Woher der damals nicht sehr berühmte Architekt Hans Scharoun überhaupt den Mut für eine so unkonventionelle Raumkonzeption nahm, gibt bis heute Anlass zur Verwunderung. Schließlich hatte der Vertreter des organischen Bauens in Deutschland, zugleich Stadtbaurat in Berlin, nie zuvor einen Wettbewerb gewonnen. Der Zuschlag 1956 war sein erster großer Erfolg, obwohl er längst selber Ende 50 war.

Auch vom Klang her gesehen dürfte Karajan als treibende Kraft damals so stark gewesen sein, dass die volkstümliche Benennung „Zirkus Karajani“ für die Philharmonie – Karajan hörte sie nicht gern! – den Kern der damaligen Machtverhältnisse tatsächlich wiedergibt. Karajan selber genoss die Tatsache, im Mittelpunkt eines Saales zu stehen. Seine Frau Eliette saß, wenn er auftrat, durchaus nicht in Block A (auch nicht in der akustisch benachteiligten Ehrenloge). Sondern in der kurzen Reihe 1 von Block E links. Also so, dass Karajan sie sehen konnte, wenn er vom Dirigentenpult zurückgehend das Podium verließ.

Dirigentenzimmer mit Bad und Dusche

Klanglich ungeeignet selbst für Hauskonzerte übrigens das Dirigentenzimmer selbst. Karajan ließ es sich – mit Bad, Dusche und Klavier – wie eine vollständige Wohnung einrichten. Samt Holzverschalung, Sofaecke und Bildern an den Wänden. Kein Zufall auch, dass das Aufnahme- und Übertragungsstudio des Saales, so Klaus-Peter Groß, „wie eine Mitte aus allen Wohnzimmern“ klingen muss. Also: Nicht zu viele Kissen! Nicht zu viel Dämpfung, nicht zu viel Schall!

Ist die Philharmonie nicht selber das einzig moderne Wohnzimmer der Welt, das von vielen sogar gegenüber älteren, traditionsreicheren Sälen bevorzugt wird? Seine Akustik will besuchbar, ja geradezu gemütlich sein. Die Philharmonie ist, mit ihrer 50-Jahre-Patina, die vermutlich bestklingendste gute Stube von Berlin.