Gastbeitrag

Wie Anne-Sophie Mutter sich in die Philharmonie verliebte

Anne-Sophie Mutter ist eine der renommiertesten Geigerinnen der Welt. Der Morgenpost schildert sie, wie sie Herbert von Karajan kennenlernte und warum sie so gern im Berliner Konzertsaal spielt.

Foto: Isabel Schiffler / picture alliance / Jazzarchiv

Wenn ich an die Berliner Philharmoniker denke, kommt mir natürlich zuerst der 11. Dezember 1976 in den Sinn. Ich, eine 13-Jährige aus Wehr im Schwarzwald, war vom großen Herbert von Karajan zum Vorspielen eingeladen worden. Geige spielte ich, seit ich fünf war. Von der Schule war ich befreit, intensive Übungsblöcke wechselten sich mit Phasen ab, in denen ich mehr freie Zeit hatte.

Ich hatte schon Vorspiele erlebt und Wettbewerbe gewonnen, wohnte im Schwarzwald und stand, wenn es nicht um Klassik ging, auf Elvis – diese Präsenz auf der Bühne – und Sergio-Leone-Western wegen der Musik Ennio Morricones, die trifft mich bis heute mitten ins Herz. Die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan kannte ich von einer Aufnahme von Bruckners Vierter, ich hatte mir die Platte von meinem Taschengeld gekauft. Ein unglaublicher Klang. Auf der Reise nach Berlin glaubte ich deshalb, dass ich sie gar nicht hätte antreten müssen. Ich ging davon aus, schnell wieder vom Hof gejagt zu werden.

Am Morgen des großen Tages klopfte ich frühmorgens im Hotel an die Scheibe meiner Lehrerin Aida Stucki – sie muss sich gehörig erschrocken haben. Wir wohnten im vierten oder fünften Stock, die Zimmer waren von draußen durch sehr schmale Balkone verbunden, ich muss also ziemlich schwindelfrei gewesen sein. Nun ist man mit 13 noch etwas unbedarfter – und ich war relativ relaxed, ich hatte ja ohnehin keine Chance. Hätten Sie mir erzählt, dass Herr von Karajan und ich zusammenarbeiten würden, hätte ich Ihnen das ungefähr so sehr geglaubt, als wenn Sie gesagt hätten, ich flöge mit diesem Dirigenten ins All.

Wurststullen hielten mich beim Warten über Wasser

An der Philharmonie angekommen, hieß es erst einmal: Warten. Herr von Karajan wollte eigentlich, dass ich vor der Orchesterprobe um zehn Uhr morgens vorspiele, aber daraus wurde nichts. Meine Lehrerin und ich saßen erst einmal im Vorzimmer des Dirigentenzimmers und fragten uns, was denn wohl gespielt werden solle. Vorbereitet hatte ich eine Bach-Solo-Sonate mit der Chaconne, das ist ein Tanz im Dreivierteltakt. Auch das Mendelssohn-Konzert hatte ich im Gepäck, dazu Mozart, also ein großes Werk aus jeder Stilepoche. Später hat man mir erzählt, dass ich während der Warterei dringend was essen wollte. Das ist bis heute so einer meiner Charakterzüge, wenn ich hungrig bin, dann werde ich schnell ein wenig unlustig. Angeblich hat man mich mit Wurststullen über Wasser gehalten.

Man muss dazu sagen, dass ein Vorspiel bei Herrn von Karajan gar nichts sonderlich Ungewöhnliches war. Wer Talent hatte, war ihm stets willkommen, der Nachwuchs lag ihm einfach am Herzen. Er war enorm großzügig mit seiner Zeit, das habe ich bei keinem Dirigenten je wieder so erlebt. Bei mir war es so, dass ein Rezital auf den Luzerner Festspielen im August 1976 Herrn von Karajan beeindruckt haben muss. Als er dann ins Zimmer kam, spürte ich sofort, dass diesen Mann eine einzigartige Aura umgab. Womöglich stand mein Mund vor Ehrfurcht offen.

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Aber er schien von Beginn an darum bemüht, mir etwas von der Nervosität zu nehmen. Es deutete sich sofort etwas an, das die nächsten 13 Jahre unserer Zusammenarbeit prägen sollte: Herr von Karajan war zumindest mir gegenüber immer sehr einfühlsam, er sorgte sich genauso um die Entwicklung meines Repertoires, wie er beispielsweise darauf bestand, dass ich keine Exklusivverträge bei Schallplattenfirmen unterschrieb, damit ich künstlerisch frei blieb. Er bemühte sich nach Kräften, mir die gröbsten und dümmsten Fehler zu ersparen. Ich denke, das ist ihm gemeinsam mit meiner Lehrerin auch gelungen.

An den Weg auf die Bühne des Scharoun-Baus erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass Teile des Orchesters während der Mittagspause drum herum saßen, nach dem Motto: „Na, was für ein Delinquent wird denn da heute wieder in die Arena geführt?“ Eine Zeitung schrieb später, einige der Musiker hätten sogar einen Skat gedroschen, aber davon habe ich nichts mitbekommen. Ich war glücklicherweise total fokussiert, vollauf damit beschäftigt, vor Herrn von Karajan auf der riesigen Bühne zu stehen. Wir starteten mit dem Bach-Stück.

Ich fühlte mich wie ein Wesen von einem anderen Stern

Herr von Karajan hatte vorher gesagt, ich solle mich nicht wundern, wenn er mich unterbräche und nicht die ganzen 20 Minuten hören wolle. Doch ich durfte das Stück zu Ende spielen – und das war ja nun schon einmal kein schlechtes Zeichen. Es folgten zwei Sätze Mozart, als ich nicht mehr wusste, was ich noch spielen sollte, ging ich von der Bühne, meine Geige einpacken. Ich war also schon fertig zur Rückreise, als ich im Konzertsaal Herrn von Karajan buchstäblich in die Arme lief. Er sagte, als sei gar nichts dabei, dass er sich freuen würde, wenn wir im kommenden Jahr zu Pfingsten bei den Salzburger Festspielen gemeinsam konzertierten.

Das Gefühl danach? Lässt sich am besten so beschreiben: Ich bin mit meiner Lehrerin in den Zoo gegangen und wollte dringend ins Krokodilgehege klettern. Ich war der festen Überzeugung, ein Wesen von einem anderen Stern zu sein. So gigantisch war die Überraschung. Dieser Tag wird immer ein absolut außergewöhnliches Ereignis in meinem Leben bleiben: Herr von Karajan, die Philharmoniker und ich starteten tatsächlich! Zumal es ja auch nicht bei dem einen Konzert in Salzburg bleiben sollte. Über die nächsten 13 Jahre, bis zu seinem Tod, konzertierten wir und nahmen Platten auf. Wenn ich nicht mit den Philharmonikern zu tun hatte, studierte ich in Winterthur.

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Ganz klar, dass bei so einem intensiven Verhältnis nicht nur künstlerische Dinge eine Rolle spielen. Herr von Karajan war passionierter Bergsteiger, er weckte meine Leidenschaft fürs Wandern. Er legte mir auch Yoga nahe – und seine Leidenschaft für schnelle Autos färbte ebenfalls auf mich ab. Heute bin ich da als Mutter zweier Kinder vorsichtiger geworden, gerade umweltbewusst sind Sportwagen auch nicht, aber ich muss zugeben: So ein schnelles Auto ist etwas Tolles.

Doch noch entscheidender war Herr von Karajans Lebensphilosophie, die er auch auf die Musik übertrug. Er agierte nach dem Motto: Wer seine Ziele alle erreicht hat, der hat sie vermutlich zu niedrig gesetzt. Ja, er war rastlos, aber wenn man Musik grundsätzlich anders anginge, wäre das das Ende jeder künstlerischen Weiterentwicklung. Es war einfach nur faszinierend, mit diesem Dirigenten zu arbeiten: Er hatte dieses Charisma eines Mannes, der nie still steht; wie oft habe ich ihn nach einer grandiosen Aufführung am nächsten Morgen gleich wieder akribisch proben sehen. Bis es nicht mehr weiterging. Ich meine das ganz positiv: Herr von Karajan hatte ein sehr feines Gespür dafür, wie weit er eine individuelle Begabung pushen konnte, bevor man verkrampfte. So übe ich noch immer: Wenn ich merke, dass ich mich zu sehr in etwas verbeiße, mache ich etwas anderes.

Ein einziges Mal ging es zwischen ihm und mir beinahe ins Auge

Wenn er vorm Orchester stand, hatte man immer den Eindruck, dass er genau wusste, wie etwas klingen sollte. Er hatte diese Bewegungen, die die Musik in Körpersprache übersetzten: Herr von Karajan konnte alles in einem Moment bündeln, so zog er uns alle mit. Und so hart die Proben werden konnten, im Konzert fühlte man sich völlig befreit, man flog gewissermaßen neben ihm her, alles fügte sich organisch zusammen.

Nur ein einziges Mal ging es zwischen ihm und mir beinahe ins Auge: Das war die Aufnahme des Mendelssohnschen Violinkonzertes. Die allermeisten meiner Aufnahmen mit Herrn von Karajan entstanden ja nicht live, sondern in der Philharmonie, wie eine Art Konzertdurchläufe. Es wurde also nicht unendlich geprobt, es herrschte eine große Spontaneität. Das rote Aufnahme-Licht ging an und beim letzten Satz schlug Herr von Karajan ein Tempo an, das mir in meinen Teenager-Jahren ein wenig zu getragen und behäbig vorkam. Also versuchte ich, durch leichtes Drängen das Tempo nach vorne zu bringen, ein paar Orchestermitglieder wollten auch mit mir mitgehen. Herr von Karajan signalisierte aber doch sehr streng, dass dem nicht zu folgen sei.

Im Aufnahmestudio brach die Diskussion los

Ich ließ es drauf ankommen und sagte mir: „Was soll’s, ich spiel’s schneller.“ Am Ende hatten wir uns so verfahren, dass ich tatsächlich viele Takte vor ihm endete. Er dirigierte einfach eisern langsam weiter. Stille im Raum, da hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören. Meine Lehrerin begleitete mich zu dieser Zeit noch nach Berlin, sie saß im Saal und wechselte sehr flott die Gesichtsfarbe. Schweigend marschierten wir hoch ins Aufnahmestudio.

Da brach dann eine Diskussion los, ich versuchte Herrn von Karajan zu erklären, dass man eine Spiccato, also so eine Art Springbogen, im letzten Satz nicht so langsam spielen könne. Ehrlich gesagt ist das nicht ganz die Wahrheit, aber ich musste ja irgendetwas sagen, um meinen jugendlichen Wahn zu rechtfertigen. Wir einigten uns dann irgendwo in der Mitte. Das war ein Nachmittag, da stand’s echt auf der Kippe, rückblickend bin ich noch immer überrascht, dass Herr von Karajan nicht explodiert ist. Aber ich halte es auch noch immer für richtig, für meine musikalischen Ideen gerade zu stehen. Vielleicht wollte er das sogar einmal von mir sehen.

Die Philharmonie wurde zu meiner Heimat

So wurde der Scharoun-Bau zu meiner musikalischen Heimat. Es passierten dort so viele wunderbare Dinge, all die Aufnahmen, die Konzerte, das unvergleichliche Ensemble (ganz nebenbei bin ich dieses Jahr auch 50 Jahre alt geworden). Ich liebe auch das Berliner Publikum, ich erlebe es immer als sehr spontan. Deswegen spiele ich so oft in Berlin, vielleicht sogar zu oft. Es gibt ja viele Versuche, den Saal zu kopieren – die Disney Hall in Los Angeles wurde der Philharmonie nachempfunden – aber in Berlin steht nun einmal das Original mit der einzigartigen Akustik. Der Saal ist untrennbar mit dem Orchester verbunden und wird immer mein Maßstab bleiben, wo immer ich auch spiele.

Umgekehrt muss man fairerweise sagen, dass es für ein Orchester auch positiv sein kann, wenn der Saal eine katastrophale Akustik hat, wie es beispielsweise in der alten Concert Hall in Philadelphia war. Das Orchester dort ist weltberühmt für seinen besondern schönen, satten Streicherklang. Als ich vor einigen Jahrzehnten erstmalig dort spielte, war ich entsetzt über die dortige Akustik, das war trocken wie ein Opernhaus. Das Ensemble hat sich, um dagegen anzukämpfen, eine Spielästhetik zugelegt, die absolut ungeheuer ist.

Nicht nur die Philharmonie, auch die Buletten sind perfekt

Nur macht es Spaß, in so einem Sarkophag zu spielen? Nein, es ist ein großes Geschenk für die Musiker wie für die Zuhörer gleichermaßen, wenn man Musik in einer so perfekten Umgebung wie der Berliner Philharmonie erleben darf. Es gibt nichts zu verbessern – nicht einmal die Buletten backstage, die sind auch köstlich! Und wenn ich in Berlin bin, nehme ich manchmal den Seiteneingang, der ins Dirigentenvorzimmer führt, so wie Herr von Karajan das immer getan hat. Eine besondere Erinnerung, die ich mein Leben lang pflegen werde.

Nun habe ich nach 30 Jahren wieder etwas mit den Philharmonikern aufgenommen. Antonín Dvořáks Violinkonzert unter der Leitung von Manfred Honeck ist damit eine Art Nachhausekommen. Wobei das so nicht ganz richtig ist: Ich habe ja oft in der Zwischenzeit in der Philharmonie gespielt und vor zwei Jahren mit der Kammerbesetzung der Berliner und Wiener Philharmoniker einen Zyklus von Mozart-Violinkonzerten aufgeführt. Da hatte sich bereits viel verdichtet, musikalisch, aber auch menschlich. Da wurde der Wunsch nach einer neuen Aufnahme umso dringender. Diese Klangwucht wieder zu erleben, die einen so nach vorne trägt, gleichzeitig hat jedes Mitglied die Subtilität eines Solisten. Es ist einfach alles da, was man sich wünschen kann.

So wünsche ich den Berliner Philharmonikern, dass sie auch künftig nie stillstehen mögen und weiter die Maßstäbe setzen. Und der Stadt Berlin wünsche ich ein Publikum, das seine Kenntnisse weiter vertieft und neugierig bleibt. Denn je mehr wir über das wissen, was wir spielen oder hören, desto mehr werden wir es genießen können.