Interview

Anne-Sophie Mutter hält nichts von sinnlosem Üben

Am Mittwoch spielt die Star-Geigerin in Berlin. Im Interview erklärt sie unter, wie Eltern das richtige Instrument für ihr Kind finden.

Foto: Berliner Festspiele / Deutsche Grammophon

Morgenpost Online: Sie treten zugunsten der Sanierung der Staatsoper auf. Aber die Wiedereröffnung ist gerade um ein weiteres Jahr verschoben worden.

Anne-Sophie Mutter: Das verwundert ja nicht. Bei Sanierungen tauchen immer Dinge auf, mit denen keiner gerechnet hat. Das dürfte doch niemanden aus dem Konzept bringen. Man muss Geduld mitbringen. Immerhin ist das Haus aus dem Jahr 1743 und da liegt einiges im Argen, selbst wenn es schon mal überholt wurde. Umso mehr Gelder müssen wir mit unserem Benefizkonzert locker machen.

Morgenpost Online: Wissen Sie denn, wofür genau Sie Geld einspielen?

Anne-Sophie Mutter: Für die Sanierung des gesamten alten Gebäudekomplexes. Es geht nicht um die Reparatur der Drehbühne oder der Renovierung eines Künstlerzimmers.

Morgenpost Online: Sie machen das Benefizkonzert zusammen mit Daniel Barenboim. Wie kam es dazu?

Anne-Sophie Mutter: Wir kennen uns schon lange. Ich habe mit ihm in London 1978 mein Debüt gegeben. Und hatte das Glück, seine damals leider schon sehr kranke Frau, die Cellistin Jacqueline du Pré, kennen zu lernen. Wir haben immer eine mehr oder weniger intensive musikalische Beziehung gepflegt. Ich habe ihn auch bei einigen Vorstellungen in der Lindenoper besucht. Vor zwei Jahren haben wir begonnen, nach einem geeigneten Termin für das Konzert zu suchen

Morgenpost Online: Sie waren noch gar nicht im Ausweichquartier, dem Schiller-Theater?

Anne-Sophie Mutter: Nein, war ich nicht.

Morgenpost Online: Die Opernsanierung wurde ebenso verschoben wie die Eröffnung des neuen Großflughafens Schönefeld. Ist das für Sie als eine reisende Künstlerin ein Thema?

Anne-Sophie Mutter: Reden Sie vom Flughafen? Mir persönlich ist der Flughafen ziemlich egal. Wenn ich fahrender Künstler mit Wohnsitz in Berlin wäre, dann könnte ich mehr dazu sagen.

Morgenpost Online: Sie spielen Brahms Violinkonzert. Wieder einmal. Wird das Stück nicht irgendwann langweilig?

Anne-Sophie Mutter: Die Frage taucht oft auf und ich verstehe sie bis heute nicht. Das ist doch ein Vorurteil, dass etwas, was man kennt, langweilig sein muss. Ich hoffe, dass ich als Musiker eine Antwort darauf geben kann. Im Übrigen spiele ich das Stück recht selten, in diesem Jahr nur zwei Mal.

Morgenpost Online: Was ist eigentlich Ihr Lieblingsinstrument?

Anne-Sophie Mutter: Was für eine Frage? Natürlich die Geige.

Morgenpost Online: Hätte ja sein können, dass irgendwo eine unerfüllte Liebe schlummert – Orgel, Harfe, Saxophon.

Anne-Sophie Mutter: Gut, ich habe mit Klavier begonnen. Glücklicherweise konnte ich meinen Eltern nahe bringen, dass ich lieber Geige spielen möchte. Ich finde die Möglichkeit, auf einem Streichinstrument einen Klang innerhalb eines Bogenstrichs zu variieren, sozusagen als Klangbildhauer zu arbeiten, äußerst faszinierend.

Morgenpost Online: Wenn Eltern heutzutage entscheiden, dass ihr Kind ein Instrument lernen soll, welches empfehlen Sie?

Anne-Sophie Mutter: Ich kann kein Instrument per se empfehlen, weil jeder von uns, wie beim Sport auch, eine Prädisposition in sich trägt. Insofern muss man herumprobieren. Nicht jedes Kind ist so treffsicher, wie ich das in jungen Jahren war, um mich für die Geige zu entscheiden. Es gibt nicht das eine Instrument, das allen passt. Es geht auch um das physische Wohlbefinden beim Musizieren. Das ist wie beim Sport, einer spielt lieber Fußball, der andere Tennis. Und obwohl es immer heißt, Kinder sollen bei einem Hobby bleiben, ich glaube, beim Instrumentesuchen sollte man zwei, drei Anläufe zulassen.

Morgenpost Online: Aber die Geige ist ein ergonomisch schwieriges Instrument ist, das zu Haltungsschäden führen kann?

Anne-Sophie Mutter: Ja, ergonomisch schwierig, wenn man für das Instrument ungünstig eingestellt ist. Um ins Detail zu gehen: Ein sehr langer Hals könnte ein Problem für die Nackenmuskulatur werden. Sicherlich bringt die Geige mehr Verspannungen mit sich als das Klavier. Aber wenn ich am Klavier eine schlechte Technik praktiziere, kann ich mich auch muskulär überbelasten. Ich würde nicht primär von der Geige abraten, weil die Haltung unnatürlicher ist als beim Klavier. Letztlich ist es auch eine Frage der Leidenschaft für das Instrument. Ich war im Übrigen nie der Auffassung, dass man täglich zwölf Stunden mit dem Instrument verbringen muss.

Morgenpost Online: Wie viele Stunden soll man üben?

Anne-Sophie Mutter: Als Anfänger vielleicht zwei, drei Stunden am Tag, um sich eine saubere technische Basis zu erarbeiten. Ähnlich wie im Sport. Darauf kann man aufbauen, sich verfeinern. Ich höre oft von meinen Stipendiaten, dass sie sechs bis acht Stunden üben, aber das ist nicht gesund. Die Gelenke werden einfach überbelastet, sinnloses Üben bringt nichts. Fokussieren auf die Fehler und warum sie entstehen, das ist viel effizienter.

Morgenpost Online: Jetzt haben Sie mehrmals Sport gesagt. Was betreiben Sie selbst?

Anne-Sophie Mutter: Ich renne. Ich liebe die Geschwindigkeit. Ein Musiker, der anstrengende Tourneen durchhält, muss körperlich und geistig fit sein. Das würde ich auch jungen Kollegen empfehlen.

Morgenpost Online: Was laufen Sie? Zehn Kilometer?

Anne-Sophie Mutter: Ach, ich weiß es nicht genau. So eine Stunde, und das drei bis fünfmal die Woche, soweit es die Tourneen zulassen.

Morgenpost Online: Was geben Sie nachwachsenden Geigerinnen mit auf den Karriereweg?

Anne-Sophie Mutter: Es gibt keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, Jüngeren und Älteren, zwischen Pianisten, Geigern oder Sängern. Ich erinnere an Rilkes Briefe an einen jungen Dichter. Es geht um einen Soldaten, der Rat sucht, weil er Poet werden möchte. Rilke schreibt sinngemäß: Sie müssen sich abends, wenn sie zu Bett gehen überlegen, ob sie leben um zu schreiben oder schreiben um zu leben. Das ist der Kern. Musik ist mehr als nur das Aufführen artistisch und perfekt gespielter Noten. Musik ist eine Brücke zwischen Kulturen, zwischen Menschen. Musik hat auch ein soziales Gewissen. Allein die Suche nach Eitelkeiten oder nach Reichtum sollte nicht als Motivation dahinter stehen. Man muss sich sowieso frühzeitig abschminken, dass das Leben eines Solisten das einzig Wahre ist.

Morgenpost Online: Warum machen Sie es dann?

Anne-Sophie Mutter: Mein Anliegen ist es nicht, ein glamouröser Solist, sondern ein facettenreicher Musiker zu sein. Ich spiele ja auch viel Kammermusik. Und dabei muss man sich auch mal zurücknehmen. Aber ich führe auch gern. Alles braucht eine Balance.

Morgenpost Online: Muss ein Solist auch eine dominante Persönlichkeit sein?

Anne-Sophie Mutter: Im Privaten ganz sicher nicht.