Philharmonie

Drei Dirigenten, drei Charaktere- Karajan, Abbado und Sir Simon Rattle

Traditionsgemäß wählt das Berliner Philharmonische Orchester seine Dirigenten selbst. Mit ihren drei Chefdirigenten bewies es vor allem den Mut, sich auf verschiedene Persönlichkeiten einzlassen.

Zirkus Karajani nannte der Berliner Volksmund die neue Philharmonie. Herbert von Karajan (oben links), der die Berliner Philharmoniker von 1954 an leitete, war als Stardirigent maßgeblich an der Geburt des neuen Berliner Musikzentrums beteiligt. Karajan sollte dem Orchester fast 35 Jahre lang vorstehen, länger als jeder andere. Der gebürtige Österreicher war als Klangmagier weltberühmt geworden, er liebte den Glamour und Sport. Außerdem war er ein Technikfreak. Die Philharmoniker waren unter seiner eisernen Führung zu einem Hochglanz-veredelten Klangkörper geworden. Das Orchester zehrt nach wie vor von der Ära Karajan. In den Achtzigerjahren wurden die Differenzen zwischen Orchester und Dirigent zunehmend öffentlich ausgetragen. 1989 erklärte er seinen Rücktritt und erlag kurz darauf einem Herzinfarkt.

Zu seinem Nachfolger wählten sich die Philharmoniker Claudio Abbado (Mitte). Der Italiener trat vor sein neues Orchester und erklärte ihnen, er sei der Claudio. Der autoritäre, konservative Karajan wurde von Claudio, der immer ein bisschen links und hemdsärmlig wirkte, abgelöst. Für diesen neuen Zeitgeist, der auch auf eine Verjüngung des Orchesters setzte, wird er bis heute bewundert. Als Dirigent ist er ein Feingeist, der jede seiner Spielzeiten einem übergreifenden Thema widmete. Es gibt aber auch den Abbado, der im Jahr 2000 eine Krebsdiagnose erhielt, große Teile seines Magens verlor, abmagerte und dennoch nie aufgab. Bereits zwei Jahre zuvor, 1998, hatte er angekündigt, seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern. Wenn Claudio Abbado, mittlerweile 80 Jahre alt, heute bei den Philharmonikern gastiert, wird er wie ein Guru gefeiert.

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Bei den Berliner Philharmonikern wurde er 2002 von Simon Rattle (rechts) abgelöst. Der lockenköpfige Brite, der zuvor beim City of Birmingham Symphony Orchestra durch sein Charisma auffiel, gab den Philharmonikern ein neues jugendliches Antlitz. Er holte die klassische Musik vom hohen Ross, erschloss sich nicht nur durch ein spektakuläres Education-Programm („Rhythm is it!“ löste eine Welle der Begeisterung und Nachahmung aus) ein neues Publikum, er machte die Musik des 20. Jahrhunderts attraktiver. Ein vielseitiger Machertyp. Mit ihm wagte das Orchester den Sprung ins 21. Jahrhundert, auch was die digitale Aufbereitung seines musikalischen Angebots angeht. In Rattles Amtszeit fällt auch eine große Umstrukturierung: die Gründung der öffentlich-rechtlichen „Stiftung Berliner Philharmoniker“. Bereits im Januar diesen Jahres, also überaus rechtzeitig, hat Sir Simon das Ende seines Vertrags für 2018 angekündigt. Im Orchester haben bereits die Diskussionen über seinen Nachfolger begonnen.

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