Nach Krebserkrankung

Für Star-Dirigent Abbado ist Musik die beste Therapie

Eigentlich gibt Claudio Abbado keine Interviews. Jetzt machte der vom Krebs genesene ehemalige Chef der Philharmoniker eine Ausnahme.

Foto: Berliner Philharmoniker

Abbado ist die Sphinx unter den Dirigenten. Seit seinem Rückzug aus Berlin tritt der 79-Jährige fast nur noch in Luzern – und in Italien auf. Sowie ein Mal pro Jahr in Berlin. Ein Ruf zum Gespräch nach Bologna kommt fast so unerwartet wie jenes Erdbeben in Italien, über das Abbado an diesem Vormittag reden möchte. Er empfängt im weitläufigen Dachgeschoss eines Palazzo in der Altstadt von Bologna, seinem Zweitwohnsitz. Er sieht blendend aus und lacht, obwohl er am Vortag gestürzt ist. Wegen Blessuren und Blutergüssen im Gesicht bittet er, aufs Fotografieren zu verzichten. Als Mitbringsel nimmt er Schokolade entgegen. Seit seiner Magenkrebs-Erkrankung vor zwölf Jahren, die er besiegte, muss Abbado die Ernährung auf zahlreiche Mini-Mahlzeiten pro Tag umstellen.

Abbado weiß, dass er in Berlin unvergessen ist. Und erinnert sich gerührt an Aufführungen mit den Philharmonikern. Gegen Ende des Gesprächs klingelt es an der Tür. Bruno Ganz ist da. Gemeinsam mit dem Schauspieler bereitet Abbado Beethovens „Egmont“ vor. In Berlin haben es die beiden früher schon einmal gemacht. Berlin – wirkt nach.

Morgenpost Online: Wie sind die Folgen des Erdbebens für Sie spürbar?

Claudio Abbado: Das Theater von Ferrara, wo ich mit dem von mir gegründeten Orchestra Mozart regelmäßig auftrete, hat zahlreiche Risse im Gebäude erlitten. Man kann es nicht bespielen. Es wäre gut, wenn das bald wieder in Ordnung käme. Im September soll das Theater wieder öffnen.

Morgenpost Online: Der Dirigent Wilhelm Furtwängler hat einmal gesagt: „Am Ende läuft alles in der Musik auf die Liebe hinaus.“

Claudio Abbado: Ich sehe es jedenfalls so. Einmal bin ich gemeinsam mit dem Pianisten Rudolf Serkin, den ich sehr verehre, in einem Konzert gewesen. Es wurde etwas von Schumann gespielt. Am Ende hat Serkin, weil er so gerührt war, ganz einfach zu mir gesagt: „Ganz verliebt.“ Und in dieser Bemerkung kann man viele verschiedene Bedeutungen finden, mit Bezug auf den Zuhörer, das Orchester, die Musik.

Morgenpost Online: Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?

Claudio Abbado: Ich bin mit Trios von Schubert, Beethoven, Brahms schon auf die Welt gekommen. Bei uns zu Hause gehörte Musik zu den Grundnahrungsmitteln. Ich habe auch noch Arturo Toscanini persönlich an der Scala bei Proben erlebt. Die Musiker mussten ihr Letztes geben, weil er von ihnen viel verlangte. Ich wurde schon früh ins Haus von Toscanini eingeladen. Meine Mutter war eine gute Freundin seiner Ehefrau.

Morgenpost Online: Waren Probenbesuche bei Toscanini nicht streng verboten?

Claudio Abbado: Oh doch. Nicht nur bei ihm. Auch im Wiener Musikverein wurde während der Proben niemand geduldet. Also bin ich mit Zubin Mehta in den Chor gegangen. Auf diese Weise habe ich noch unter Bruno Walter gesungen. Herbert von Karajan dagegen war mir gegenüber sehr nett – und gar nicht auf Abstand bedacht. Karajan kam zu einem Konzert von mir in Berlin, um mich zum Gastspiel der Wiener Philharmoniker nach Salzburg einzuladen.

Morgenpost Online: Sie haben in den Siebzigern die Vermittlungsarbeit für Kinder und Jugendliche miterfunden, begonnen, Jugendorchester zu gründen. Woher kam die Idee?

Claudio Abbado: Am Ende meiner Zeit auf dem Konservatorium gingen wir dazu über, uns im privaten Rahmen zu kleinen Ensembles zusammenzufinden. Wir spielten Bach, Hindemith und viel Moderne. Alles Freunde. Ein Quartett, mit dem wir auch spielten, hatte damals in Genf den ersten Preis bei einem Wettbewerb gewonnen. Das bildete die Basis eines von uns gegründeten Ensembles. Diese Dinge habe ich später wieder aufgenommen.

Morgenpost Online: Ihren Musikern im Orchester gewähren Sie ein erstaunliches Maß an musikalischer Freiheit. War das schon immer Ihre Strategie?

Claudio Abbado: Es ist keine Strategie. Sondern eine Lebensanschauung. Ich meine, dass jeder frei sein und die Möglichkeit haben sollte, nach eigenem Gutdünken zu kommunizieren. Für mich war mein Großvater eine sehr wichtige Person. Er lehrte römisches Recht, lernte ständig abgelegene Sprachen.

Morgenpost Online: Nachdem Sie von Ihrer Krebserkrankung genesen sind, haben viele Leute gesagt: „Abbado hat durch die Musik überlebt.“ Würden Sie zustimmen?

Claudio Abbado: Die Musik war sehr wichtig dabei, meine Krankheit zu überwinden. Aber noch entscheidender waren doch meine Familie, die Unterstützung und die Liebe, die ich in meinem privaten Umfeld von Verwandten und Freunden erfahren habe.

Morgenpost Online: Sie sehen heute blendend aus – und dirigieren eleganter und entspannter denn je. Wie ist das möglich?

Claudio Abbado: Musik macht jung! Ich meine das ernst. Das können Sie sogar an meinem Orchestra Mozart sehen. Man denkt immer, das sind alles ganz junge Leute, in der Blüte ihrer Jugend. Aber das stimmt in Wirklichkeit kaum. Ich bin sicher: Die Musik ist es, die jung aussehen lässt.

Morgenpost Online: Sie gelten als ein ungemein auratischer, ja magischer Dirigent. Welche Rolle spielt Magie für Sie?

Claudio Abbado: Eine große! Als ich sieben Jahre alt war, besuchte ich zum ersten Mal die Mailänder Scala. Ich stand ganz oben auf der Galerie. Ein Mann namens Antonio Guarnieri dirigierte die „Nocturnes“ von Claude Debussy. Er hatte eine ganz sparsame, kleine Gestik. Und im mittleren Satz, den „Fêtes“, setzten irgendwann die Harfen und die Trompeten ein. Das ergab einen unvergesslichen, magischen Augenblick. Seitdem hatte ich nur einen Traum: dieselbe Magie zu verwirklichen – mit der Musik oder auch anders, nicht unbedingt als Dirigent.

Morgenpost Online: Viele große Dirigenten waren in Wirklichkeit schüchterne Menschen.

Claudio Abbado: Als ich ganz jung war, habe ich nur zugehört und wenig gesprochen. Ich habe einfach systematisch alles in mich aufgesogen und dabei langsam gelernt. Zuhören ist die Grundlage des Lebens, man lernt davon und wird reicher. Das ist aber bei Dirigenten nicht unbedingt die Regel. Es gab auch sehr extrovertierte Dirigenten, zum Beispiel Leonard Bernstein. Für mich war er der vollständigste, unmittelbarste Musiker, den ich überhaupt kennengelernt habe. Mit Leichtigkeit komponierte er, dirigierte, spielte. Ihm standen viele Formen der Kunst leicht offen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Schmerzen und Schwierigkeiten sich am Ende doch für einen selber auszahlen können?

Claudio Abbado: Jeder Schmerz hilft. Auch in meinem speziellen Fall. Ich kam durch den Schmerz dem Empfinden der wunderbarsten Komponisten näher, die viel gelitten und daraus Meisterwerke geschaffen haben. Für Gustav Mahler zum Beispiel – aber auch für andere – war das Komponieren immer auch ein schmerzvoller Prozess. Dass Musik die beste Therapie ist, habe ich auch erst mit der Zeit verstanden.

Morgenpost Online: Sie lancieren nun einen Hilfeaufruf zur Unterstützung des Wiederaufbaus der Theater?

Claudio Abbado: Als Musiker ist es mir ein Anliegen, etwas für deren schnelle Wiedereröffnung zu tun. In Ferrara soll am 23. September ein Konzert mit dem Lucerne Festival Orchestra stattfinden, zugunsten des sofortigen Wiederaufbaus des Theaters.

Morgenpost Online: Empfinden Sie es als selbstverständlich, sich als Künstler politisch und gesellschaftlich zu engagieren?

Claudio Abbado: Absolut! Was man tun kann, muss man tun. Neben der Musik gibt es übrigens noch etwas Wichtiges im Leben: zu pflanzen. Eine großartige, essenzielle Sache! Gehen Sie doch mal nach Berlin! Das Grün dort hilft den Menschen sehr, mit der Größe der Stadt klarzukommen. Die Liebe zur Pflanze und die Liebe zur Musik helfen sich einander und verbessern die Empfindungsfähigkeit.