50 Jahre Philharmonie

Wie die Philharmoniker durch das Internet neue Fans fanden

Die Digital Concert Hall startete vor fünf Jahren. Per Stream wurden Konzerte der Philharmoniker im Internet angeboten. Mit Erfolg: Durch das mutige Projekt konnten sie kräftig an Abonnenten zulegen.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Die Philharmoniker, sie sind von Anfang an für ihre Fortschrittlichkeit berühmt. Schon kurz nach ihrer Gründung im Jahre 1882 gingen sie auf Tournee. Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war das noch vollkommen unüblich. Im 20. Jahrhundert sorgte dann vor allem Herbert von Karajan dafür, dass die Philharmoniker an der Spitze des technischen Fortschritts mitmischten. Mit dem Bau der Scharoun-Philharmonie, die seither weltweit als Nonplusultra der Raumakustik gilt. Mit Bild- und Tonaufnahmen in audiophiler Qualität, als Vorreiter der Compact Disc und der DVD.

Da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Digital Concert Hall, dem neuesten Fortschrittsprojekt der Philharmoniker. Mittlerweile feiert es ein Jubiläum im Jubiläum. Fünf Jahre Digital Concert Hall – in 50 Jahren Philharmonie. Ein Projekt, das nach einem geruhsamen Start einen gesunden jährlichen Abonnenten-Zuwachs von etwa 30 Prozent verzeichnet. Das Konzept: die Konzerte der Philharmoniker als Stream per Internet anzubieten. Für Philharmoniker-Liebhaber, die es nicht schaffen, der Philharmonie persönlich zu besuchen. Für Menschen aus der ganzen Welt. Für Fans, die das Konzert, in dem sie gerade waren, noch mal in Ruhe zu Hause betrachten wollen.

Fans kennen Musiker wie eine Fußballmannschaft

Im Studio 6 des Scharoun-Gebäudes pocht das Herz der Digital Concert Hall. Gar nicht weit entfernt vom Großen Saal sitzt ein Regieteam an Hochleistungsrechnern, bewaffnet mit den Partituren der auf dem Programm stehenden Konzerte. Die Musikspezialisten probieren die teuren HD-Kameras im Saal, prüfen Einstellungen, Winkel, notieren Kameraschwenks in den Noten. Die Arbeit der Regie beginnt mit der Generalprobe. Auch im ersten und zweiten Konzert sammeln sie noch Erfahrungen und Eindrücke, zerbrechen sich den Kopf, wie die Musik angemessen zu visualisieren ist. Beim dritten Konzert geht es dann um alles: Dieser Auftritt wird für die Digital Concert Hall produziert. Das Live-Ereignis, das ins Netz geschickt wird. Auch Interviews und Hintergrundberichte stellt die Digital Concert Hall bereit. Zudem können sich die Nutzer austauschen über die Konzerte und Fragen stellen. Und es ist recht verblüffend: Es gibt Fans, die ihre Philharmoniker wie eine Fußballmannschaft kennen und auf kleinste Veränderungen in der Orchesterbesetzung reagieren.

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Nur wenige geladene Solisten haben sich bisher gegen die Digital Concert Hall gewehrt. Zu verlockend ist die Möglichkeit – auch für die Plattenfirmen – durch die Internetpräsenz weltweit noch größere Bekanntheit zu erlangen. Und die Philharmoniker, die stört es mehrheitlich schon gar nicht. Dass im dritten Konzert gefilmt wird, nehmen die meisten von ihnen gar nicht war. Denn die Kameras sind bei jeder Probe und jedem Konzert gleichermaßen in Bewegung.

Damals, unter dem Eindruck ihrer Asien-Reise, es war im Jahre 2005, bei den Live-Übertragungen auf den großen Volksplätzen, da bekamen die Musiker ein Gefühl dafür, wie wichtig es ist, noch einen Schritt weiter auf ihr Publikum zuzugehen. Die Grundausstattung für das digitale Projekt betrug eine Million Euro, die Planung ging drei Jahre lang. Von ihrem Hauptsponsor bekamen die Philharmoniker einen Spielraum von mehreren Jahren. Doch es war schon ziemlich schnell klar: Die Digital Concert Hall ist kein Experiment, ein Zurück gibt es nicht mehr. Dafür war die Idee einfach zu gut.

Alternative zum CD-Label

Welches Durchschnittsalter unter den Abonnenten der Digital Concert Hall herrscht, ist kaum zu bestimmen. Es ist schätzungsweise jünger als das Publikum im Saal. Die Digital Concert Hall wird in den kommenden Jahren wohl attraktiver werden. Mittlerweile sind großformatige Internetfernseher im Kommen – das ideale Medium für Konzertabende zu Hause in HD-Qualität.

Nur einen vermeintlichen Nachteil hat die Digital Concert Hall: ein eigenes CD-Label ist für die Philharmoniker erst mal vom Tisch. Vor ein paar Jahren wurden sie noch dafür kritisiert, dass sie einen Trend verschlafen hätten. Das Concertgebouw Orchestra, die Wiener Philharmoniker und viele andere Spitzenorchester – sie hatten da schon ihre eigenen CD-Reihen gegründet. Nur die Philharmoniker hielten sich vornehm zurück. Kümmerten sich stattdessen um die Digital Concert Hall. Nun zeigt sich, dass dieses Projekt noch sehr viel weiter trägt als das Medium CD. Das beste Zeichen dafür: Immer häufiger bekommt Tobias Möller, Leiter Kommunikation und Marketing bei der Phil Media, Anfragen von Orchestern. Von Orchestern, die ebenfalls ein Digital Concert Hall gründen wollen. Er hilft ihnen gerne weiter. Während sich die CD auf dem absteigenden Ast befindet, fängt die Erfolgsgeschichte der Digital Concert Hall erst an.