Mein Berlin

Der Potsdamer Platz ist ein Winteralbtraum

Es ist gerade mal Anfang November und schon hat der erste Weihnachtsmarkt der Saison eröffnet. Wie unfeierlich, findet Nina Paulsen.

Nina Paulsen fehlt auf dem Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz die Weihnachtsstimmung

Nina Paulsen fehlt auf dem Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz die Weihnachtsstimmung

Foto: Reto Klar

Berlin. An der kleinen Möchtegern-Almhütte geht ständig der Strom aus. Zappenduster ist es, sekundenlang, immer wieder. Niemanden scheint das zu stören. Drinnen nicht, wo man zur besten Feierabendzeit mitten in der Woche selig schunkelt. Und auch draußen nicht, wo man dick eingepackt bei Glühwein noch seliger zusammensteht. Egal, ob die Elektrizität zwischendurch mal schlappmacht – vom Alkohol haben hier ohnehin schon viele alle Lampen an.

Willkommen auf dem ersten Weihnachtsmarkt dieser Saison am Potsdamer Platz. "It's magic!", steht auf der großen Rodelpiste dort und man fragt sich unweigerlich, was hier bitte schön so magisch ist. Seit Anfang November und damit viel zu früh ist es wieder so weit: Obwohl wir gerade erst den Herbst begrüßt haben, gerade erst die Blätter von den Bäumen geweht wurden, steht hier wieder eine Ansammlung aus Fress- und Nippesbuden herum, die, pardon, natürlich kein Weihnachtsmarkt ist, sondern eine "Winterwelt".

Bis Ende des Jahres leuchtet, blinkt und schallt es nun über den Potsdamer Platz. 3,50 Euro kostet der Glühwein und 4,50 Euro mit Schuss – und wer bei einer kleinen Stippvisite nach der Arbeit vorbeischaut merkt schnell: Abgefüllt wird hier gut.

Schon ab September liegt der Lebkuchen in den Supermarktregalen

Schon fast ritualhaft wiederholt sich ja jedes Jahr im September die Klage, Lebkuchen, Schokoladennikoläuse und Dominosteine würden immer früher in den Supermarktregalen stehen. Noch schlimmer ist aber, dass Berlin Anfang November schon sein Herbstoutfit abstreift und bereits jetzt einen auf Adventszeit macht. Nicht nur am Potsdamer Platz.

Auch an der Schloßstraße in Steglitz wurde schon Weihnachtsbeleuchtung angebracht und ebenso am Kudamm, wo schon erste christbaumartige Kegel auf Mittelinseln stehen. Wie Unkraut wuchert viel zu früh überall in der Stadt der Festschmuck aus dem Boden. Schön ist das nicht. Und schon gar nicht feierlich.

Mit Weihnachtsstimmung hat das nicht zu tun

Am Potsdamer Platz hat das alles ja auch herzlich wenig mit Weihnachtsstimmung und Winterzauber zu tun. An der Rodelbahn johlen ein paar Halbstarke, die auf dicken Gummireifen schlingernd die gefakte Schneepiste herunterrutschen. Bratwurst gibt's, Brezeln und Bier – und Buletten, die hier aber ganz unberlinerisch Frikadellen heißen. Vor der Bude mit Süßkram lässt sich eine Touristin glücklich von ihren Mitreisenden fotografieren.

Dann kauft sie ein Lebkuchenherz – wie gut, dass zwischen Varianten mit der Aufschrift "beste Oma der Welt", "Tussi" und "Schwein" auch noch Herzen mit "Grüße aus Berlin" zu haben sind. Tja. Schade für unseren Ruf: Berlin, die Stadt des klebrigen Glühweins und der Lebkuchenherzen. Wie wundervoll. Diese Botschaft trägt die junge Frau jetzt also in die Welt hinaus.

Es gibt Hässchen- und Tigerkostüme zu kaufen

Viel besser ist es aber auch nicht an den Ständen, die Ganzkörperanzüge im Häschen- und Tigerlook verkaufen. Aber auch ohne die Plüschoveralls hätte man sofort geahnt, dass das hier genau der richtige Ort für Junggesellinnenabschiede aus Brandenburg ist. Aus der Zeit gefallen ist der große Nippesstand: Jahreskalender von Bon Jovi und Green Day kann man hier kaufen, die 90er-Jahre lassen grüßen.

Aus der Almhütte dudelt jetzt "Que sera sera" – was sein wird, wird sein. Ja, so ist es wohl. Unweigerlich rasen wir auf Weihnachten zu, aber jetzt, am besten erst mal schnell in die U-Bahn und wieder weg vom Potsdamer Platz. Noch ist Zeit für Rotwein statt Glühwein, für Kürbis statt gebrannte Mandeln und für Vogelzwitschern statt alkoholisiertem Vorabendgrölen.

Aber es gibt natürlich auch schöne Weihnachtsmärkte, auf die wir uns freuen können. Die allermeisten eröffnen auch erst nach Totensonntag am 27. November. Ich finde ja, auch dann erst ist es an der Zeit, sich ausführlich mit dem Thema Weihnachtsgeschenke zu befassen. Vorher muss da keiner ein schlechtes Gewissen haben. Und falls wer eine Anregung braucht: Wo es Häschenanzüge gibt, wissen Sie jetzt ja.

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