Mein Berlin

Lass mal abtegeln - Ideen für das Berliner Jugendwort

Aktuell kann man über das Jugendwort des Jahres abstimmen. Nina Paulsen hat da noch ein paar Ideen aus Berlin.

„Abtegeln“ - Passagiere warten an einem Serviceschalter von Air Berlin in Tegel

„Abtegeln“ - Passagiere warten an einem Serviceschalter von Air Berlin in Tegel

Foto: Paul Zinken / dpa

Eben kam in der Morgenpost-Redaktion ein Kollege zu mir an den Schreibtisch und hatte eine Frage. Der Kollege ist so um die zehn Jahre älter als ich und fing an mit: "Du bist doch immer klüger als ich, was dieses Gerät hier betrifft, oder?!" Er hielt mir sein Smartphone unter die Nase und zeigte mir eine App, die nicht mehr richtig funktionierte. Er fragte: "Was mach ich denn da?"

Tja. Das ist ein Erlebnis, das ich sonst nur von Eltern und Großeltern kenne, die einen anrufen und Sätze sagen wie: "Immer wenn ich mit der Maus auf dieses Dings in dem blauen Dings klicke, kommt da diese komische Sanduhr und dann was auf Englisch." Dann soll man, per Ferndiagnose aus 500 Kilometer Abstand, sagen, was da los ist und wie man das reparieren kann. Es ist sehr lustig, wenn andere Menschen einen allein durch das etwas jüngere Alter dazu befähigt halten, PC-Probleme aller Art zu lösen. Liebe Leute, ich bin auch froh, wenn der technische Kram bei mir halbwegs funktioniert und ich mein Mailprogramm einrichten kann, ohne dafür drei Tage Urlaub nehmen zu müssen. Meinem Kollegen konnte ich dementsprechend auch nicht helfen, sitze jetzt aber ratlos an meinem Schreibtisch: Vielleicht bin ich für diesen ganzen Schnickschnack auch schon zu alt?

Unser Einjährige stellt den Staubsauger auf Chinesisch um

Selbst unser Einjähriger hat es vergangene Woche geschafft, unseren Staubsauger, der seit der notwendigen Neuanschaffung nun auch ein Display hat, auf Chinesisch umzustellen. Seither wissen wir auch nicht so genau, was alles sonst noch passiert, wenn wir staubsaugen. Wir können es ja nicht lesen. Vielleicht meldet das Gerät schon längst an den Hersteller, wie unsere Wohnung aussieht und welche Beschaffenheit die Krümel auf unserem Fußboden haben und dass es am Wochenende schon wieder Pizza gab. Vielleicht saugen wir auch die ganze Zeit im Teppich-Modus, obwohl wir eigentlich Laminat haben. Das wäre natürlich noch viel furchtbarer. Leider beherrscht unser Sohn noch kein Chinesisch, sonst könnte ich ihn fragen, wie wir das wieder zurückstellen. Japanisch kann er selbstverständlich, das hat er gleich nach dem großen Latinum gelernt – aber was soll man da machen.

Aber apropos sich alt fühlen: Im Internet lässt der Langenscheidt-Verlag gerade wieder über das Jugendwort des Jahres abstimmen, und mit viel Fantasie und Liebe kenne ich gerade einmal fünf der 30 Begriffe, die da zur Auswahl stehen. Gut gefiel mir dabei aber: "trumpeten". Das heißt so viel wie große Versprechen machen, ohne an die Folgen zu denken. Genau wie "schatzlos" für alle Singles und "fernschimmeln", wenn man es sich mal anderswo als zu Hause so richtig gemütlich macht. Was ich allerdings schon kannte, ist das nun zur Wahl stehende Wort "belastend", wenn Dinge einfach nervig und unangenehm sind. Irre ich mich oder sagt man das in Berlin sowieso schon seit Ewigkeiten?

Meine Idee wäre ja, dass wir auch das Berlinwort des Jahres küren. Da geben die 365 Tage in der Hauptstadt des Wahnsinns schon ausreichend Material her. Und jeder kann unabhängig vom Alter mitreden. Für 2017 hätte zum Beispiel "abtegeln" gute Chancen, was jeder kennt, der mal wieder am Flughafen TXL stundenlang auf seinen Koffer warten muss. Oder "Airsolvenz" für die traurige Air-Berlin-Pleite. Diesen Sommer auch hoch im Kurs: Rainickendorf. Der Bezirk war in den zurückliegenden verregneten Monaten mit am meisten von den Wasserfluten betroffen. Nicht zu vergessen die Berliner Dauerbrenner: "Immocide" für den Tod durch den Versuch, in der Stadt eine Wohnung zu finden. Und analog dazu "Citizenofficide" als Tod durch den Versuch, einen Termin bei einem Berliner Bürgeramt zu bekommen. Beides ist, wie jeder weiß, extrem belastend in der Stadt.

Ich hoffe, dass Probleme wie diese endlich mal gelöst sind, wenn mein Sohn erwachsen ist. Und ich hoffe, er hat bis dahin auch Chinesisch gelernt. Dann kann ich ihn anrufen, wenn der Staubsauger dann immer noch spinnt.

Mehr von Nina Paulsen

Warum wir Air Berlin noch vermissen werden

Wie Berlin langsam unsexy wird

Hohe Mieten, teure Wohnungen: Wie Berlin langsam unsexy wird

Jamaika? Warum Berlin schon lange die Karibik des Ostens ist

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.