Mein Berlin

Warum wir Air Berlin noch vermissen werden

Das Ende der Fluglinie naht – und wieder verschwindet ein großer Name aus der Stadt. Zeit für etwas Nostalgie, findet Nina Paulsen.

Eine Maschine von Air Berlin hebt ab

Eine Maschine von Air Berlin hebt ab

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Der Mensch ist ein elendes Gewohnheitstier. Das weiß jeder, der sich an Neujahr vornimmt, jetzt wirklich mal mit Sport anzufangen und weniger Alkohol zu trinken. Und dann am 5. Januar frustriert mit einer Flasche Wein auf dem Sofa lümmelt. Ja, Freunde, wir können nun einmal nicht so gut loslassen von Dingen, die irgendwie schon immer so waren, die uns Halt geben in schweren Zeiten und ein Fels in der Großstadtbrandung sind.

Seit Kurzem ist klar: Bald ist Feierabend bei Air Berlin. Ende Oktober soll das letzte Flugzeug unter dieser Flagge abheben, und dann ist in Tegel Ende Gelände mit Fliegen rot-weiß. Ich bin ein bisschen traurig deswegen. So, wie ich immer traurig bin, wenn etwas verschwindet, an das ich mich mit der Zeit gewöhnt habe. Zum Beispiel im Frühjahr, als Werbeheinis sich überlegt haben, dass es cooler ist, wenn Capri Sonne jetzt Capri Sun heißt. Angeblich weil dies besser für die Vermarktung sei.

Für mich und viele andere, die in den 80er- und 90er-Jahren groß geworden sind, wurde damit eine Kindheitserinnerung ruiniert. Capri Sonne gab es bei uns immer nach dem Seepferdchen-Schwimmunterricht. Für eine Mark durfte sich jeder beim dicken Onkel an der Bude eine Naschtüte aussuchen und dazu eben eine Capri Sonne trinken. Ein ganz besonderer Zauber war das, der durch die Gentrifizierung des Trinktüten-Prinzips jetzt einfach verflogen ist.

"Sind's die Augen, geh zu Ruhnke!"

Auch wenn die Läden kacke waren, fehlt mir trotzdem Schlecker im Straßenbild. Ebenso Praktiker. Und kann sich noch einer an Dea-Tankstellen erinnern? Eine Freundin von mir ist mit einem etwas älteren Mann liiert, also einem, der schon Mitte 40 ist. Er sagt noch immer vehement "Raider", wenn von "Twix" die Rede ist. Wir lachen da meistens drüber, aber irgendwie kann ich ihn auch verstehen. Berliner sind ja ziemlich gebeutelt, was das Aus von lieb gewonnenen Marken und Namen betrifft. Erst in diesem Jahr mussten wir Kaiser's Lebewohl sagen. Und Reichelt. Viel früher Spar. Und noch früher Bolle.

So reagieren Passagiere auf die Insolvenz von Air Berlin

Nach Bekanntwerden der Insolvenz von Air Berlin haben wir Passagiere am Flughafen Tegel befragt. Viele waren von der Pleite nicht überrascht.
So reagieren Passagiere auf die Insolvenz von Air Berlin

Weil ich ja noch nicht ganz so ewig lange in der Stadt lebe, fragte ich meine Freunde bei Facebook, wem oder was sie hier hinterhertrauern: Mitropa, Kino Tivoli, Café Kranzler, Bürgerbräu. Die Restauration 1900 am Kollwitz- und die Uni-Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz. Läden wie das Alt-Berlin, Pony-Bar, Pan Asia. Clubs wie Dschungel, Knaack, White Trash. Und den Werbeslogan "Sind's die Augen, geh zu Ruhnke!" Ja, das mit den Werbeslogans ist tatsächlich so eine Sache, die brennen sich einem tiefer ins Gedächtnis als jede Französischvokabel in der Schule und jedes Sportvorhaben zum Jahreswechsel. Morgens halb zehn in Deutschland, guten Freunden gibt man ein Küsschen, damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können. Wir Opfer. Schrecklich eigentlich.

Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht kaufen

Womit ich wieder bei Air Berlin bin. Da war ja in diesem Jahr auch vieles schrecklich, wir erinnern uns an verschwundene Koffer, an Chaos beim Security-Check und an verspätete und ausgefallene Flüge, lange bevor die Insolvenz sich tatsächlich abzeichnete. Stundenlang konnte man abends zusammensitzen und die besten Horrorstorys austauschen. Dank Air Berlin hatte man immer ein Gesprächsthema. Trotzdem, so prophezeie ich, werden wir in einigen Jahren wehmütig über die Fluglinie sprechen. Wenn wir 2027 mit unseren Rollkoffern über den glänzenden Marmorboden des BER schnurstracksen, fallen nostalgische Sätze wie: Air Berlin? Oh ja, da gab es immer diese leckeren Schokoherzen! Und wisst ihr noch, wie provisorisch-charmant das Terminal C am TXL war? Viel hatten wir nicht, aber es war schön gewesen!

Ja. Da weiß man, was man hat. Nichts ist unmöglich. Und dann klappt's auch mit dem Nachbarn. Nur bei Air Berlin, da hat es eben nicht geklappt. Mach's gut, altes Haus! Es gibt eben Dinge im Leben, die kann man nicht kaufen. Ab aufs Sofa mit einer Flasche Wein. Lieber trocken trinken als trocken feiern.

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