Das Gute am Erwachsenwerden ist ja, dass man nicht mehr jedem Trend hinterherrennen muss. Dass man mit nonchalanter Lässigkeit abwinken kann, wenn wieder einmal ein seltsamer Hype aufbrandet, jeder sein Essen für Instagram fotografiert oder alle Welt für ein neues iPhone vor dem Apple-Store zeltet. Denn wer erwachsen ist, weiß: Nicht jeder Trend passt zu mir. Jeans mit großen Löchern sind vielleicht gerade angesagt – sehen im Büro aber komisch aus. Das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ mag gerade die Massen begeistern – taugt aber nichts, wenn man ein über alles stolpernder Tollpatsch ist. Oder so etwas einfach nur beknackt findet.

Berlin ist ja bekannt dafür, die Geburtsstätte vieler Trends zu sein. Die Menschen hier sind so wahnsinnig hip und erfinderisch, dass sie ihrer Zeit einfach voraus sind. Während im Rest der Republik Matcha-Latte, Cold Brew, Outdoor-Yoga und Chia in diesem Sommer megamäßig angesagt sind, winkt der Berliner ab: Das ist doch alles so was von 2015! Außerhalb der Stadtgrenzen erlebt ja außerdem gerade der Jutebeutel sein Revival, der nach einem ersten Trend vor einigen Jahren irgendwann total verpönt war, weil auf den Hipster der Anti-Hipster folgte. Doch die damit verbundene Anti-Jutebeutel-Stimmung im Land ist gekippt, seit Plastiktüten abgeschafft werden oder Geld kosten. Man darf also wieder Jute tragen – was man in Berlin zum Glück ohnehin die ganze Zeit getan hat. Gut, dass dieses komplizierte Hin und Her hier niemanden interessiert.

Das Gleiche gilt hoffentlich für sämtliche bescheuerten Internettrends. Wussten Sie, dass man jetzt iPhone6legs haben muss und eine A4 Waist? Das bedeutet, dass beide Beine zusammen dünn genug sind, damit ein quer gehaltenes Smartphone die Knie bedeckt – und die Taille so schlank, dass man sie hinter einem Din-A4-Papier verstecken kann. Beides zeigt man dann auf Fotos im Netz. Gut gemeinter Rat: völlig ignorieren. Das gilt übrigens auch für die Einlassungen auf Twitter von Beatrix von Storch. Worauf ich mich hingegen freue, ist ein Trend, der derzeit in den USA hochkommt: Herren, die Socken in Sandalen tragen. Jaja, der deutsche Tourist auf Mallorca hat es schon immer gewusst.

Kaffee, Säfte, Salate und Sushi sind ein alter Hut

Ungebrochen scheint leider auch der Trend, sämtliche Produkte „to go“ zu verkaufen. Kaffee, Säfte, Salate und Sushi sind ein alter Hut – längst hat die Industrie neue Dinge ersonnen, die zum Mitnehmen viel cooler sind. In meinem Prenzlberg-Supermarkt erstand ich diese Woche „Snack-Tomaten to go“, die in einem kleinen Eimer mit Henkel verpackt sind, damit man sie daran zur Schule oder ins Büro schleppen kann (ich trug sie im Jutebeutel nach Hause – ha!). Vorher waren Kirschtomaten natürlich allein für den Konsum in den eigenen vier Wänden gedacht. Sonst noch auf der Liste der absurden To-go-Produkte: Spreewaldgurke to go, Detox to go, eine Warmluft-Stylingbürste to go, halb feuchtes Hundefutter to go oder Paleo to go, sozusagen zwei Megatrends in einem : Paleo ist Essen aus der Steinzeit, das schön und schlank machen soll. Wenn man beim Futtern auch noch läuft, wird dieser Wahnsinnseffekt noch mal getoppt. Zu Kaufen gibt es auch den „Angel to go“, einen kleinen Porzellanengel, den man früher wohl einfach Talisman nannte.

Auch vor Literatur macht der Mitnehmwahn keinen Halt: „Weltgeschichte to go“ von Alexander von Schönburg rangiert gerade in den Bestsellerlisten. Die Bücher „Mami to go“ und „Papa to go“ erklären für den Unterwegsgebrauch, was Eltern so wissen sollten. Den Vogel schießt das Do-it-yourself-Werk „Taschen to go“ ab. Taschen zum Mitnehmen! Verrückte Welt. Hoffentlich ist das alles bald wieder vorbei.

Es gibt aber auch Trends, die schon sehr alt sind, sich aber immer halten werden. „Summer of ’69“ nachts um halb fünf auf Berliner Tanzflächen zum Beispiel. Ikea-Betten in Studenten-WGs. Tomatensaft in Flugzeugen. Juice to fly sozusagen. Komisch, dass darauf noch keiner gekommen ist.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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