Ein Tag am See. Vier Worte wie ein Versprechen. Sie verheißen Frische und Abkühlung, einen leichten Wind, der den noch leicht winterblassen Körper kitzelt, klares Wasser, das die asphaltheißen Großstadtfüße kühlt, Sand, der durch die Finger rieselt, sanft rauschende Baumwipfel, Zeit für ein gutes Buch, ein Nickerchen im Halbschatten, den Blick auf weiße Segelboote, zart nachglühende Wangen und eine wohlige, von viel frischer Luft beförderte Müdigkeit am Abend, kurz: die perfekte kleine Flucht für entspannungsbedürftige Hauptstädter.
Dieser Zauber hält so lange, bis man den Zusatz „Müggel“ vor das Wort „See“ setzt. Natürlich haben mir Freunde berichtet, wie schön es am Müggelsee sein soll, wie herrlich ihre Tage auf kleinen Booten und an idyllischen Badestellen waren („wie im Urlaub, wirklich!“). Doch niemand hat mich vor dem Strandbad gewarnt. Nun ist man selbst schuld, wenn man an einem heißen Wochenende in ein Strandbad geht, doch in meiner noch nicht ganz abgelegten Berlin-Naivität dachte ich, dass dort vielleicht weniger los ist, weil das Bad bis zur Sanierung noch nicht in Betrieb ist.
Und was für ein Betrieb dort war. Alles, was zwei tätowierte Beine hat und jeden Satz mit „Ey, Alder“ beginnt, war da. Den Plan, schön im Sand zu liegen, haben wir angesichts von Scherben, Grillresten, Techno vom iPhone auf dem Nachbarhandtuch, der fröhlich zwischen den Sonnenanbetern Häufchen machenden Bulldogge und einer fast komplett von einem Bauzaun abgesperrten Uferkante schnell verworfen.
Unter dem Baum auf der Wiese hatten wir zwar auch schnell Gesellschaft von einer Gruppe Halbstarker, die ebenso rasant anwuchs wie ihr kistenweise angekarrter Sterni-Vorrat, dafür aber einen herrlichen Blick auf den nur mit schwarzen Stiefeln und einem weißen Vollbart bekleideten älteren Herrn, der stundenlang einfach nur auf dem Rasen stand, um dem Publikum seinen Bierbauch und alles darunter Hängende zu präsentieren. Auch der Ausflug in den See endete jäh, nach 500 Metern Waten durch Schlick und Entengrütze ging mir die warme braune Brühe noch immer nur bis zum Knie, dafür trieb vor mir ein totes Tier.
Auch für die perfekte kleine Flucht braucht man manchmal einen Fluchtweg.

![Fünf Mädchen in kurzen Hosen schlendern am 02.04.2014 bei milden Temperaturen durch Berlin. Foto: Ole Spata/dpa [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ] Fünf Mädchen in kurzen Hosen schlendern am 02.04.2014 bei milden Temperaturen durch Berlin. Foto: Ole Spata/dpa [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit, usage worldwide ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/128459129/128459129_1423608084_v16_9_1200.jpeg)


