In dieser Stadt liegt die Kreativität ja auf der Straße. Manchmal hängt sie auch da. Zum Beispiel in Form von Fahrradreifen, die jemand in Kreuzkölln über Straßenschilder und Laternenpfeiler geworfen hat. Einige notorische Nörgler, die in Berlin ja leider ebenfalls zuhauf auf der Straße rumhängen, werden jetzt wieder aufschreien und einwenden, die Kreativität sei in diesem Fall nur sinnlos verschleudert worden.
Letzteres stimmt natürlich, nur das mit dem sinnlos ist Quatsch, denn es gibt sicher auch viele Menschen, die der Anblick bereifter Laternen fröhlich stimmt. Oder zumindest nachdenklich. Damit gehen die Reifen offiziell als Straßenkunst durch, ebenso übrigens wie mit Schablonen beklebte Fahrradampeln, die – vorwiegend in Prenzlauer Berg – als rote Herzen, gelbe Sterne oder grüne Rauten leuchten.
Selbst die Stadtverwaltung gibt sich ja mittlerweile der Streetart hin und hängt in Friedrichshain eigene Straßenschildkreationen auf. Statt Sonntagstraße heißt es dann Sonntagsstraße, die Wühlischstraße wird zur Wühlichstraße. Dieses Spiel der Berliner Beamten mit dem kleinen Buchstaben s – das ist schon große Kunst.
Wenn man es sich genau überlegt, sind die Reifen übrigens vor allem ein Kunstgriff. Das ist nämlich bestimmt gar nicht so einfach, diese weichen Dinger über so eine ausgewachsene Berliner Laterne zu bekommen. Das erfordert Konzentration und Geschicklichkeit, stärkt die motorischen Fähigkeiten und animiert die Teilnehmer auf spielerische Art, sich an der frischen Luft zu bewegen.
Wenn ich mir das so überlege, sollten wir das Laternenbereifen als offizielle Sportart aufnehmen. Bei den Bundesjugendspielen zum Beispiel könnte das der große Renner werden. Als weitere Disziplinen empfehle ich: 800-Meter-von-Späti-zu-Späti-Lauf, Poetry-Weitworthüpfen, Straßenpoller-Wett-Einstricken, Clubmatekisten-Klettern, Jutebeutel-Ziehen, Flashmob-Hammerwerfen.
Dadurch werden unsere Kinder zwar noch lange keine Künstler, aber sie kippen zumindest nicht mehr beim nächsten Kinderarzttermin um, wenn sie sich auf ein Bein stellen sollen. Wer noch alle Reifen beisammen hat, kann zum sportlichen Ausgleich aber auch einfach ein bisschen Radfahren.





