Ich muss Abbitte leisten: Die Schwiegermutter ist unschuldig. Vor Kurzem hatte ich hier von dem Unglücksraben erzählt, der per Steckbrief verzweifelt versucht hat, einen Winkelmesser zurückzubekommen, den er versehentlich am Mauerpark verkauft hatte. Die Lehrlingsarbeit seines zukünftigen Schwiegervaters. Die freudige Nachricht: Das gute Stück ist wieder da, der Schwiegervater in spe happy, die Freundin zutiefst beeindruckt (Hunderte Fahndungszettel hatte der Zukünftige verteilt, und quasi den gesamten Mauerpark auf den Kopf gestellt) und die Schwiegermutter, die ich ja eigentlich als Intrigantin im Verdacht hatte, ist entlastet. Ein Familiendrama mit Happy End, so etwas findet man wohl nur noch in Prenzlauer Berg.
Und es wird ja noch schöner. Seine Chancen auf eine baldige Hochzeit, so unser Hauptdarsteller, seien sogar gestiegen – schließlich habe er bewiesen, wie sehr er sich reinhängen kann. Hach, wie romantisch – wenn man mal vergisst, dass sich die ganze Geschichte um ein altes Werkzeug dreht.
Was mich ja aber fast mehr beeindruckt, ist dass der zukünftige Schwiegersohn regelmäßig seine aussortierten Sachen zum Flohmarkt bringt. Wie oft habe ich mir vorgenommen, Kleider, die ich nicht mehr anziehe und Küchengeräte, die ich noch nie benutzt habe, dort zu verkaufen. Stattdessen landet alles in Kartons auf dem Dachboden, die mich stets an meine Faulheit erinnern.
Meine Hausgemeinschaft ist ein verrückter Verein
Meine Nachbarn haben für dieses Problem eine einfache Lösung gefunden. Sie stellen alles, was sie nicht mehr brauchen, in den Flur unseres Helmholtzplatz-Altbauhauses. „Zu verschenken“-Schild dran und fertig. Vom Kochtopfset über alte Ski und Omas Häkeldecke bis zum Hamsterkäfig (leer) und neulich sogar einer Tube Zahnpasta (voll).
Dass meine Hausgemeinschaft ein verrückter Verein ist, habe ich ja schon geahnt. Als ich am vergangenen Sonnabend noch ein paar Dinge auf den Boden schaffen wollte, turnten auf dem Dach gegenüber plötzlich vier Jungs in neonfarbenen Leggins rum, um sich, mit Tiermasken auf dem Kopf (Pferd, Kuh, Vogel und Affe) fotografieren zu lassen. Wie man DAS den zukünftigen Schwiegereltern erklären will, weiß ich jetzt allerdings auch nicht.




