Zwischenmenschlich

Wenn Taxifahrten fast zu spannend zum Aussteigen sind

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Jule Bleyer

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Immer ein anderer Wagen, ein anderer Fahrer – Taxifahrten durch Berlin sind selten langweilig. Jule Bleyer erlebte gleich mehrere skurrile Situationen, und wollte einmal gar nicht mehr aussteigen.

Von Taxifahrern kann ja jeder seine eigene Geschichte erzählen. Meine liebe Kollegin Laura zum Beispiel ist neulich bei einem mitgefahren, der die ganze Zeit auf sein iPad statt auf die Straße geguckt hat. Ans Lenkrad soll er auch nicht viel gegriffen haben, eher in die Chips-Tüte. Aber man muss eben Prioritäten setzen – schließlich lief „Pretty Woman“.

Ich dagegen habe eines Nachts Berlins ältestes Taxi erwischt, diesen fast 50 Jahre alten Mercedes mit dem knatternden Dieselmotor und der Tannenbaumkerze am Armaturenbrett. Ich kannte das Gefährt (das von seinem Besitzer zärtlich „Nepomuk“ genannt wird) vom Hörensagen, aber natürlich guckt man erst einmal doof. Noch weniger konnte aber anscheinend der Fahrer seinen Augen trauen: ein Fahrgast, mitten auf der Karl-Marx-Allee. Seit 20 Jahren fahre er diese Straße auf und ab, und noch nie habe ihn hier ein Mensch angehalten. Er schaute mich an, wie ich hinten auf den Häkeldeckchen saß, und konnte es kaum fassen.

Bernd fährt mit Happy End durch die Stadt

Meine schönste Taxifahrt in Berlin aber hatte ich mit Bernd. Bernd ist Mitte 40 und war unfassbar aufgeregt, denn am nächsten Tag sollte er seine Tochter treffen. Seine fast volljährige Tochter, zum ersten Mal in seinem Leben. Auf dem Weg durch die Stadt erzählte er mir alles: die Frau, die kurze Liebe, das Kind, von dem er nie etwas gewusst habe, bis vor ein paar Wochen eine Nachricht über Stay Friends kam. Dann Mails, Telefonate und jetzt endlich ein Treffen. Eine tolle Geschichte. Viel besser als „Pretty Woman“. Und Bernd ist übrigens ein aufmerksamer Fahrer, auch wenn er von so essenziellen Dingen wie seinem eigenen Leben erzählt. Am liebsten wäre ich sitzen geblieben und mit zum großen Kennenlernen gefahren.

Stattdessen hatte ich neulich einen Taxifahrer, der mir, motiviert durch die bevorstehenden Wahlen, seine düstere Theorie vom Untergang des Euro, der deutschen Wirtschaft, ach was, der ganzen Gesellschaft dargelegt hat. Inklusive der Begriffe „Anarchie“, „Raubzüge“ und der „tierischen Natur“ des Menschen. Die neun Euro wollte er am Ende trotzdem haben, Zusammenbruch hin oder her. Da musste ich wieder an Bernd denken. Ich bin mir sicher, er fährt mit einem Happy End durch die Stadt.