Stilfrage

Wohin flüchtige Textilien tatsächlich verschwinden

Die Lieblingshose ist auf einmal unauffindbar und die linke Socke hat ihr rechtes Pendant allein in der Schublade gelassen: Es bleibt ein Mysterium, wie Dinge verschwinden und wieder auftauchen.

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Erst mal muss ich meine Kolumne für ein persönliches Anliegen nutzen. Und zwar, um Abbitte zu leisten. Ich habe mein Portemonnaie zurück. Eine nette Berlinerin (die Handschrift auf dem Zettel war eindeutig weiblich) hat es gefunden und an die richtige Adresse geschickt. Ein Wunder, danke. Sie haben ein gutes Werk getan. Dabei habe ich an dieser Stelle doch geschimpft wie ein Rohrspatz.

Tja, es bleibt ein Mysterium, wie Dinge verschwinden und wieder auftauchen. Auch aus textiler Sicht gibt es da die absonderlichsten Geschehnisse. Ich war einmal fest davon überzeugt, dass sich eine schwarze Hose, natürlich die Lieblingshose, einfach aus dem Staub gemacht hat. Die ganze Bude habe ich auf den Kopf gestellt. Ich habe (ähnlich wie bei der Börse) die wildesten Theorien entwickelt, wo das Teil abgeblieben sein könnte. Diebe! Die Reinigung! Auf der Straße aus der Sporttasche gefallen und ich hab es nicht gemerkt! Eine bestimmte Bekannte von mir wollte doch schon immer so eine haben, entführt hat sie sie! Machen wir es kurz: Sie war hinter das Sofa gerutscht.

Der Mann stellte letztens fest, dass bei ihm im Schrank die weißen Socken verschwinden und er nur noch Einzelsocken hat. Ein ganz klarer Fall: Er hat sich die Sockenseuche eingefangen. Die kennt ja nun wirklich jeder. Generationen von Wissenschaftlern haben sich da schon an Erklärungen versucht. Meine Theorie: Man darf das gar nicht einreißen lassen. Sobald sich einige Socken vom Stamm entfernen, fühlen sich die anderen genötigt, es ihnen gleich zu tun. Sie wollen auch auswandern ins Sockenwunderland, wo immer die Sonne scheint, ein leichtes Lüftchen weht und niemals gewaschen wird. Kann man ja verstehen, aus Sockensicht.

Natürlich ist meine Theorie aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Mir gefällt einfach die Vorstellung vom glücklichen Strumpfcountry. Nur ist dieses Phänomen als Besitzer von gefühlt 50 Paar einsamen Socken, die zurückgelassen wurden oder den Weg ins Wunderland nicht fanden, ein Grund, irgendwann Amok vor der Trocknertrommel zu laufen. Deshalb kurzen Prozess machen und bei mehr als fünf Einzelsocken die Tonne aufmachen und sich von ihnen trennen. Sonst bekommen Sie bald kalte Füße.