Meine Kollegin ist gerade aus Paris zurückgekommen. Dort war sie allerdings nicht zum vorweihnachtlichen Einkauf. Nein, sie besuchte drei Tage lang das Disneyland. Nun leidet sie an einem posttraumatischen Disney-Schock. Die Welt, in die sie zurückkehren musste, erscheint ihr grau und unwirtlich. Zum Frühstück kommen weder Pluto, noch Mickey Mouse zu Besuch. In Disneyland schneite es jeden Tag pünktlich um vier Uhr. Und zwar so echt, dass sie am ersten Tag ihres Besuchs dachte, es würden wirklich Schneeflocken vom Himmel fallen.

Nur der passende Sound – das Disney-Glitzergeräusch – überzeugte sie vom Gegenteil. Außerdem gab es drei Paraden am Tag. Dort fuhren die Disney-Prinzessinnen Cinderella und Schneewittchen in Kutschen die Straße entlang. Mit Prinz an Bord, versteht sich. Die Begeisterung ging soweit, dass sie kurz davor war, sich eine Mütze mit Mickey-Ohren zu kaufen.

Mein erster Gedanke war ehrlich gesagt, ob es Alkohol in Disneyland gibt. Aber der entrückte, wirklich selige Blick der modernen, selbstbewussten jungen Frau neben mir beschämte mich sofort. Anscheinend hatte der Ausflug in die Welt des Kitsches sie nachhaltig gegen düsteres Novemberwetter, Kälte und den Mangel an Glitzerschnee immun gemacht. Was mich zu der Frage brachte: Sollten wir nicht alle ein klitzekleines bisschen mehr Kitsch in unser Leben lassen?

Wäre das nicht maximal verrückt? Kitsch bedeutet per Definition aus Sicht des Kritikers einen minderwertigen, sehnsuchtsartigen Gefühlsausdruck zu haben. Kitsch gilt als trivial und sentimental. Dabei geht es vielleicht, in gewissen Dosen, nur um den Ausdruck einfacher Gefühle in einer komplexen Welt. Vielleicht hat uns der große Trend zu kühlen, schlichten skandinavischen Design selbst ein bisschen kühl werden lassen. Vielleicht ist es aber auch piepegal. Wir sollten das große Feld des Kitsches nicht nur Menschen wie Harald Glööckler überlassen. Ich ertappte mich jedenfalls dabei, wie ich überlegte, wo meine Bambi-Brosche gelandet ist. Im Moment ist doch genau die richtige Zeit, um das kleine Kitschmonster in Ihnen gefahrlos von der Leine zu lassen. Schließlich ist bald Weihnachten. Los, trauen Sie sich. Und wenn es nur ein kleiner Glitzer-Tannenbaum zum ersten Advent ist.