Single Mom

Wir sind mehr, aber wir müssen es auch bleiben

Mein Sohn geht auf eine Privatschule. Das ist nicht das Ergebnis elitären Denkens, sondern der AfD-Wähler wegen.

Caroline Rosales, Redakteurin und passionierte Mutter

Caroline Rosales, Redakteurin und passionierte Mutter

Foto: picture alliance/dpa/ Reto Klar

Seit ein paar Wochen besucht mein Sohn die erste Klasse einer Privatschule in Pankow. Und immer wieder werde ich von Nachbarn, Freunden und Bekannten gefragt: „Ja, und warum eine Privatschule?“ Die Art, wie sie mir die Fragen stellen, entlarvt meist dann schon ihr Vorurteil. Sie denken: „Ah, da kommt die Helikopter-Mutter vom Dienst. Die hat es ja nötig. Der ist die Regelschule wohl nicht fein genug.“

Ich lasse mich aber dann nicht beirren und antworte, weil ich es wichtig finde, dass alle den echten Grund kennen. Ich sage dann: „Die Regelschule kam für mich leider nicht infrage wegen des Klientels.“ Und wieder nickt dann mein Gegenüber und denkt sich seinen Teil. Einige fragen dann weiter, etwas verunsichert: „Verstehe, du meinst, es gibt an der Regelschule einen hohen Anteil an Migrantenfamilien.“ Und ich schüttele dann den Kopf und antworte: „Nein, im Gegenteil, etwas mehr kulturelle und internationale Einflüsse wären ja schön, aber es geht um die AfD-Wähler, die Rechten, die Väter, die aussehen wie Hooligans. Damit komme ich nicht zurecht. Ich will da auch nicht diskutieren müssen.“ Das ist dann komischerweise immer der Moment, in dem mein Gesprächspartner verstummt und wohl denkt: „die übertreibt.“

Aber das tue ich nicht. Wir wohnen am äußersten Ende von Pankow, in Blankenfelde. Und nirgendwo in Berlin hat die AfD mehr Stimmen bekommen als am Pankower Stadtrand: 37 Prozent haben bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2017 die AfD angekreuzt. Im September 2017 hatte die Partei hier 7,7 Prozentpunkte Zuwachs. Im gesamten Bezirk kam die Partei, die in Pankow mit ihrem Landeschef Georg Pazderski als Direktkandidat antrat, mit 12,0 Prozent auf Platz fünf.

Mein Sohn besuchte in Pankow für zwei Monate einen Kindergarten, das ist schon zwei Jahre her und dennoch sitzt der Schock, die Befremdung, noch tief. Ich war naiv, ich dachte wie viele Eltern: Ist alles nicht so schlimm. Hier sind die Familien doch mittelständisch, gut gebildet. Und dass der AfD-Stand bei der Bezirkskirmes seit dem Jahr 2015 gefühlt immer schon der größte war – geschenkt.

Das Ergebnis war jedoch, dass ich mich auf Kindergartenfesten wiederfand, bei denen die Papis und Mamis Dosenbier tranken und rechte Sprüche von sich gaben. Nein, das ist keine Übertreibung, das hat SO stattgefunden. In Pankow, ein paar Kilometer vom hippen Prenzlauer Berg entfernt. Jener Stadtteil, über den Alexander Dobrindt (CSU) in der „Welt“ mal sagte, dass er nicht Deutschland sei, aber die Debatten in Deutschland bestimmt. Hier gibt es immer wieder Vorfälle der dritten Art. Einmal malte ein Kind in einem benachbarten Kindergarten ein Hakenkreuz in den Sand. Die Kita-Leitung war alarmiert, Elterngespräche wurden geführt. Alle redeten darüber, das Getuschel unter den Nachbarn war groß. Entnervt nahm ich meinen Sohn aus dem Kindergarten, heute, zwei Jahre später, habe ich mit der Wahl einer Privatschule eine weitere Konsequenz gezogen.

Es ist unsere Art – meine und die vieler anderer Eltern – mit einem Pro­blem umzugehen, über das im Detail nicht offen gesprochen wird. Noch heißt es: „Einzelfall“ und „Ob das wirklich so war“ – keiner hat Lust, sich einzugestehen, dass es auf der Mikro-Ebene, jenseits der großen Bundestagsdebatten, vor der eigenen Haustür eine Menge zu debattieren gäbe.

Auch ich bin letztendlich feige und habe mich als Mutter durch meine Schulwahl von der Tatsache, dass hier rechts agiert und gesprochen wird, isoliert. Der Zuwachs von Privatschulen – so sollte es die Politik sehen – hat manchmal wenig mit elitärem Denken zu tun, sondern einfach mit der Unlust, mit Rechten und ihren Kindern zu reden.

Mehr zum Thema:

Wenn Mütter nichts von Feminismus verstehen

Macht ihr denn keine Ausflüge?

Der lange Schatten der deutschen Mutter