Schumachers Woche

Hohe Erwartungen sind der sicherste Weg zu schlechter Laune

Wie löst man das ewige Dilemma mit den Erwartungen? Ganz einfach: Chaos sollte Normalzustand sein, meint Hajo Schumacher.

Zu den zuverlässigsten Aufregungsritualen jeder Familie gehört der Streit um Ordnung. Wie oft verhallt der elterliche Befehl „Räum dein Zimmer auf, bitte!“? Und wenn es endlich soweit ist, wurde das Gerümpel nur kunstvoll in eine düstere Ecke oder unters Bett gekehrt. Wer genauer hinguckt, verliert. Und 20 Minuten später ist der alte Zustand wieder hergestellt.

Irre viel Energie aufgewendet für ziemlich wenig Freude. Oder Politik: Wir betrachten kluge, weitsichtige, bezahlbare Entscheidungen als normal. Gewohntes Kompromissgewurschtel, das nur Gemaule nach sich zieht, betrachten wir dagegen als Katastrophe.

Oder das Auto. Nur frisch gewaschen sieht es vermeintlich normal aus. Wetter: Nur die Sonne zählt. Oder der Partner, den wir immerfort lächeln sehen wollen, sogar gleich nach dem Aufstehen.

Alles Unsinn: Kinderzimmer sind unaufgeräumt, Autos dreckig und Politik ewiges Stückwerk. Wer mehr verlangt, ist ein Fantast und muss in der Perfektionsfalle schmoren. Zu hohe Erwartungen sind der sicherste Weg zu schlechter Laune, sowohl für den Erwartenden als auch für den, der erwartetes Verhalten abliefern soll.

Chaos als Normalzustand

Wie lösen wir dieses Dilemma? Ganz einfach: Wir müssen umdeuten. Bislang neigten Eltern dazu, ein aufgeräumtes Kinderzimmer für den Normalzustand zu halten und die unaufgeräumte Höhle für einen nicht hinnehmbaren. Das geht jedoch auch anders: Wir definieren ab sofort aufgeräumt als „ideal“ und unaufgeräumt als „normal“. Erst wenn das Ungeziefer zwischen den ungelesenen Büchern hervorkriecht, ist es wirklich „schlimm“ und muss mithin verändert werden, zumindest mal in den Normalzustand.

Dasselbe Prinzip lässt sich auf ungewaschene Autos übertragen, auf Wetter, Hunde, Partner oder Politik. Sobald wir Chaos als Normalzustand akzeptieren, bekommen rare Ereignisse wie Lächeln und Sonnenstrahl, kein Hundehaufen vor der Tür oder eine kluge politische Entscheidung plötzlich einen unbändigen Charme. Bliebe da nur ein kleines Problem: Die Mitmenschen sollten die Welt ab sofort bitte auch so sehen.

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