Mal angenommen, ein Marsianer landet auf einem deutschen Acker. Er will herausfinden, wie es den Bewohnern in dieser Ecke des Planeten gehen mag. Also fragt er sein Kommunikationsgerät nach den Titeln der politischen Gesprächssendungen, die jeden Tag Millionen Bürger verfolgen.
Erst verblüfft, dann schockiert starrt der Marsianer auf die Liste: „Der Hass und die Folgen“ (Hart, aber fair, 12. Januar); „Bricht Europa auseinander?“ (Presseclub, 1. März); „Angst, Wut, Hass“ (Maybrit Illner, 16. April); „Wann kommt der Kommunismus?“ (Precht, 26. April); „Kann Politik noch Krisen lösen?“(Jauch, 7. Juni); „Politiker ratlos, Gesellschaft gespalten“ (Maischberger, 18. August); „Die Welt gerät aus den Fugen“ (Unter den Linden, 5. Oktober). Kaputt, Versagen, Katastrophe – das ist der tägliche Sound. Welch ein grausames Jahr müssen diese Erdlinge ertragen haben; keine Hoffnung, nur Not und Elend und Verzweiflung.
Angsterfüllt in die Zukunft
Der Marsianer kramt sich durch die Meinungsumfragen. Mehr als die Hälfte aller Menschen in diesem Land blickten angsterfüllt in die Zukunft, haben die Forscher ermittelt. Vor zwei Jahren waren es nur halb so viele. Dabei sind die Löhne seither gestiegen und die Renten auch. Es sei die Terrorangst, erklären die Demoskopen. Merkwürdig, denkt der Außerirdische.
Die Wahrscheinlichkeit, sich in der U-Bahn eine Tuberkulose einzufangen oder im Krankenhaus einen Keim, beim Marathon einen Herzinfarkt oder zu Weihnachten eine Fett- und Sherry-Leber, liegt statistisch um ein Tausendfaches höher, ganz abgesehen vom Radfahren in der Großstadt.
Ein ganz normales Jahr in Deutschland
Dieses Land hat im planetarischen Vergleich die meisten Orchester und Opernhäuser, gute medizinische Versorgung, vergleichsweise humane Arbeitszeiten. Die Kunst der gelassenen Rationalität aber scheint aus unerfindlichen Gründen ziemlich unterentwickelt. Seltsames Land, denkt der Marsianer und besteigt seine Untertasse. Er fliegt dann mal lieber weiter, in eine Gegend, wo die Stimmung besser ist.
Was das grüne Wesen nicht weiß: Wenn Paranoia regiert und von Hysterie flankiert ist, wenn das Opfersein weidlich genossen wird und viele Menschen finden, dass alles den Bach runtergeht – dann war es ein ganz normales Jahr in Deutschland.





