Spielvorschlag für den vierten Advent: Auf dem Tisch liegt ein Stapel Weihnachtskarten. Die Mitspieler malen ein 4-mal-4-Raster auf und schreiben in jedes der sechzehn Felder eine Kartenfloskel: Klassiker wie „besinnliches Fest“, Geheucheltes wie „angenehme Zusammenarbeit“ oder Klebriges wie „besonderer Zauber“. Dann liest der Spielleiter jede Karte vor, Treffer werden mit einem Kreuz versehen. Wer zuerst eine Reihe voll hat, gewinnt im Christmas-Bullshit-Bingo. Die Verlierer müssen das Plastik von den Karten kratzen und die Reste dem Wertstoffkreislauf zuführen.
Was soll man auch sonst machen mit diesen unverlangt eingesandte Lästigkeiten? Weihnachtskarten sind das „Einkauf aktuell“ des Dezembers. Kostet jede Karte mit Umschlag, Porto, Adressierei zwei Euro und erhält jeder Deutsche im Schnitt sechs Karten, wird in diesen Wochen für eine Milliarde Euro Irrsinn bewegt.
Eine glatte Fünf bekommen Karten ohne Handschrift oder Sinn, gern von Versicherungen oder anderen Strukturvertrieben ins Land gestreut. Die Sechs ist Schlaubergern vorbehalten, die ihre Unterschrift gescannt und aufgedruckt haben: Sieht man, fühlt man, lässt man. Psychologen sprechen von „Reaktanz“, wenn Kommunikation, die Sympathie schaffen will, unvermutet Ablehnung bewirkt (vgl: Seitenbacher). Wünscht der Kartenschreiber „der ganzen Familie alles Gute“, könnte ein seit Jahren vereinsamter Empfänger grollen. Keine Karte ist oft auch eine Lösung.
Eine Vier gibt es für echte Unterschriften, die Drei für handschriftliche An- und Abrede. Immerhin bemüht, denkt man gnädig. Etwa jede zehnte Karte hat eine Zwei verdient, weil da jemand morgens um eins übermüdet gerungen hat um Worte, die oft mit „Gesundheit“ zu tun haben oder „Besinnlichkeit“. Subtext: Der Schreiber kann nicht mehr, will aber nett sein. Nein, aus Qual wird nicht immer Qualität. Aber immerhin hat da wer gekämpft.
Und die Eins? Das wäre eine Karte mit feinem Design, füllerechter Handschrift und einem witzig-intelligenten Text, der der Schönheit der Empfängerseele huldigt – die Blaue Mauritius unter den Weihnachtskarten. Gibt es nicht? Doch. Muss man sich einfach selber schreiben. Und dafür alle anderen weglassen.




