Schumachers Woche

Der Verschwörungsquatsch erreicht die Mitte der Gesellschaft

Chemtrails, Reichsbürger, Merkels Geheim-Agenda - Statt Wissensgesellschaft erleben wir Flüsterpropaganda, beobachtet Hajo Schumacher.

Wolken, Kondensstreifen - oder doch gefährliche „Chemtrails“?

Wolken, Kondensstreifen - oder doch gefährliche „Chemtrails“?

Foto: Jan Woitas / dpa

Frau Merkel lebt nicht mehr. Eine Schauspielerin spielt nach einigen Operationen die Rolle der Kanzlerin. Sie soll Deutschland abschaffen, deswegen lässt sie so viele Flüchtlinge ins Land. Welcher Geheimdienst dahinter steckt? Ist geheim. Übrigens: Ein Ketten-Discounter liefert die Hälfte der Einnahmen beim IS ab. Erzählt ein Bekannter, der es von einem gehört hat, der sich auskennt. Ach ja: Die Türme des World Trade Center stürzten ein, weil Sprengstoff gezündet wurde. Alte Story. Aber erstmals von wem gehört, den man bislang für zurechnungsfähig hielt. Drei absurde Geschichten innerhalb einer Woche.

Marsianer und Illuminaten, Reichsbürger und Chemtrails – Verschwörungstheorien und ihre verpeilten Anhänger gab es immer. Aber nie hat sich der Unsinn so tief in die Mitte der Gesellschaft gefressen. Geraune wie bei den Zeugen Jehovas: Das Ende ist nah. Irgendein Sauron, Voldemort, Dr. No hat uns unterwandert. Gegenargumente belegen nur, wie schlau die Angreifer vorgehen. Eine große Studie, die noch geheim ist (echt jetzt!), erforscht derzeit, wie schnell jenes Fundament der Gewissheiten schrumpft, auf dem die Gesellschaft zusammensteht.

Das Narrativ vom Endkampf des Guten gegen das Böse steckt in jeder guten Story, ob Hotzenplotz oder Bibel, Star Wars oder Wagner. Die Realität ist so viel komplexer, ob Syrien oder Klima oder SPD-Parteitag. Noch gar nicht lange her, da glaubten wir an die Wissensgesellschaft. Doch statt Schläue grassiert mittelalterliche Flüsterpropaganda, getrieben von Angst und Verwirrung. Verschwörungstheorien zerstören unsere Autonomie; gegen den großen Plan ist ja doch nichts auszurichten. Misstrauen regiert, weil hinter allem eine geheime Agenda steckt. Warten auf die Katastrophe.

Warum der große Plan nicht existiert? Weil Verschwörungen teuflische Perfektion voraussetzen. Leben lehrt das Gegenteil: Immer klappt was nicht, einer verplappert sich, der Plan war nicht so toll. Welche Schauspielerin würde das Pensum von Angela Merkel durchhalten? Wie soll die Weltverschwörung gelingen, wenn nicht mal der Akku bis mittags hält?

So, muss jetzt aufhören. Es hat geklingelt. John F. Kennedy kommt zum Tee. Er will erklären, wie die Mondlandung inszeniert wurde.

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