Sie zelebrieren ihren Zwist, doch in ihrem Narzissmus und ihrer Machtkälte sind sich Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan erschreckend ähnlich. Nun haben die Staatschefs Russlands und der Türkei das Schlachtfeld Syrien entdeckt, um Großmachtpolitik aufzuführen. Dabei geht es weniger um einen abgeschossenen Kampfjet, sondern um das Wiederbeleben alter Herrlichkeit durch Machtdemonstrationen: Kompromisse werden da als Niederlagen empfunden, Entschuldigungen als Schwäche. Für den Kampf gegen die „Barbaren“ von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verheißt das Gespann Erdogan/Putin vor allem eines: kein schnelles Ende.

Beide dürften sich trotz des vordergründigen Streits über ein von Türken abgeschossenes russisches Kampfflugzeug einig sein, dass ein gehöriger Zoff dem Ruhm beider dient. Nach westlichen Maßstäben mögen beide irrational agieren, doch folgt ihr Handeln ähnlichen Zielen. Durch die Fernrohre Ankaras und Moskaus erhält das Durcheinander in Syrien eine gespenstische Logik.

Die historische Wunde

Vor 100 Jahren, im Herbst 1916, beugten sich der Franzose François Georges-Picot und der britische Schriftsteller Mark Sykes über eine Karte des Nahen Ostens. Die beiden Diplomaten verteilten im streng geheimen Sykes-Picot-Abkommen die Trümmer des Osmanischen Reichs. Recep Erdogan sieht sich als oberster Neo-Osmane.

Vor 24 Jahren, am 3. Dezember 1991, wurde in Alma Ata die Sowjetunion aufgelöst. Mit glasigen Augen beurkundete Boris Jelzin, dass das einstige Weltreich des Zaren zur Regionalmacht schrumpft. Wladimir Putin betrachtet die UdSSR-Zeit als Episode. Das moderne Russland sei, wie einst, eine „einzigartige Zivilisation“. Beide Herrscher eint das Gefühl, dass die Geschichte ungerecht war und einer Korrektur bedarf.

Historische Legitimität

Aus dem Gefühl, dass ihre Völker von der Geschichte gedemütigt wurden, leiten beide die Berechtigung zu expansiver Machtpolitik ab, wie Putin bereits in der Ukraine bewies. Syrien wiederum war lange Zeit ein Teil des Osmanischen Reichs und besitzt zudem ein paar einträgliche Ölfelder nicht weit von der Grenze. Anders als die USA und die EU verfolgen die Staatschefs der Türkei und Russlands ein klares Ziel: Ausdehnen des Machtbereichs. Das syrische Chaos bietet eine einzigartige Chance.

Der günstige Moment

US-Präsident Barack Obama agiert zum Ende seiner Amtszeit als „lame duck“, die Bürger wünschen ohnehin kein weiteres Abenteuer in Nahost. Die Europäische Union dagegen ist gewohnt uneins. Die Schwäche des Westens eröffnet Putin und Erdogan das Schlachtfeld Syrien als ideale Bühne, um die eigene Bedeutung zu heben, die Landkarte neu zu gestalten und zudem innenpolitisch als große Anführer aufzutreten.

Alte Herrlichkeit

Aber nein, sagte Putin, er möchte nicht als „Zar“ angesprochen werden. Erdogans neuer Amtssitz in Ankara ähnelt einem Sultanspalast und steht im Naturschutzgebiet. Ausgiebig genießen die beiden Präsidenten den Vergleich mit der Herrlichkeit aus früheren Zeiten. Ob sie dies nun ernst meinen oder nur vorgeben, ist gleichgültig; Putin und Erdogan betrachten sich auf dem Weg von der ehemaligen zur künftigen Weltmacht.

Teilzeitdemokraten

Erdogan wie Putin darf man als Teilzeitdemokraten bezeichnen, die immer dann das Volk beteiligen, wenn es sich nicht umgehen läßt. Beide beherrschen die Kunst, mit Wahlterminen und -gesetzen so umzugehen, dass das Ergebnis fast immer passt.

Die „nützlichen Barbaren“ vom IS

Mögen die Europäer die Schurken vom „Islamischen Staat“ verteufeln – Putin und Erdogan nutzen die Steinzeit-Dschihadisten eiskalt für ihre Zwecke. Der russische Präsident weiß: Syriens Staatschef Assad ist nur so lange im Amt zu halten, wie dieser Bodentruppen gegen den „Islamischen Staat“ mobilisieren kann. Das Ende des IS aber wäre das Ende Assads, was wiederum das Ende von Putins wichtigstem Mann wäre. Erdogan indes will derzeit keine Machtverhältnisse in Syrien zementieren. Da sind die Kurden, die nach Ankaras Ansicht „Terroristen“ sind, da sind die millionenschweren Geschäfte mit IS-Öl, da ist die Aussicht auf eine neue Grenzziehung, sollte Syrien geteilt werden. Anstatt den „Islamischen Staat“ konsequent zu bekämpfen, fallen türkische Bomben auf Kurden und russische Bomben auf syrische Rebellen. Der rechtsfreie Luftraum über Syrien lässt viel zu.

Durcheinander als Chance

Schiiten und Sunniten, Kurden und Alawiten, die vielen Akteure im „gescheiterten Staat“ Syrien bieten perfektes Chaos und damit ein offenes Feld. Wichtigste Regel: maximale Unsicherheit erhalten, bisweilen eine Provokation riskieren, ansonsten geduldig warten, bis die Krise eine Chance zum Geländegewinn bietet.