Wir sind eine widerstandsfähige Familie: wenig Grippe, Tinnitus in erträglicher Mittelstärke, Allergien nur gegen Soja und SUV. Wahrscheinlich sind wir unterdiagnostiziert. Neulich lag ich mit der Chefin auf dem Sofa, wobei eigentlich nur sie lag, während ich sprungbereit auf dem Rand kauerte, um zügig all jene kleinen Dienstleistungen zu erbringen, die Basis einer längeren Ehe sind. Die Chefin kratzte sich. Das tut sie öfter, vor allem, wenn ich Dienstleistungen zu langsam erbringe. Erneutes Kratzen. „Ich glaube…“, sagte sie. Ich sollte den Satz jetzt hellseherisch ergänzen. Um Zeit zu gewinnen, kratzte ich mich ebenfalls. Sicher was mit Weihnachten. Die Chefin inspizierte die Kratzfinger und erbleichte. Kleiner, spitzer Schrei.

Sie überlässt mir kampflos das Sofa. Schabe-, Fluch- und Heulgeräusche aus dem Bad. „Was ist denn, Schatz?“ Schweigen, was ein Befehl ist: Sofort antreten! Ist sie ohnmächtig? Ein Bild des Elends erwartet mich: Die stolze Chefin klebt wimmernd am Badewannenrand. Eine Bürste auf den Fliesen. „Läuse!“ Ich kratze mich und gehe in Gedanken meine Schädlingshistorie durch: Zecken jeden zweiten Sommer, ganz früher mal Blutegel, Milben wohnen in jedem Kopfkissen. Aber Läuse? Nie. Ich kratze mich erneut, wobei nicht klar ist, ob es sich Juckbekämpfung handelt, um Phantomjucken oder habituelle Loyalität zur Chefin.

Klar, was jetzt kommt: zuerst die Schnellkur googlen, dann die Schuld delegieren. Kann ja nicht sein, dass die Chefin selbst das Ungeziefer eingeschleppt hat, sie, die unsere Reinlichkeitstabelle anführt wie der FC Bayern die Liga. Ich habe mich die vergangenen Wochen nur in klimatisierten Räumen ohne Tageslicht aufgehalten. Läuse mögen Atomkriege überleben, aber keine zweitägigen Konferenzen. Außerdem glauben wir Jungs ja an die Macht der natürlichen Schutzschichten, die durch übertriebenes Waschen zerstört werden. Dennoch werde ich meinen Kopf bei Gelegenheit unauffällig ins Eisfach halten. Die Viecher mögen keine Kälte. Wir identifizieren Hans als Täter, weil er dauernd Kontaminationspunkte wie Schule und Sportverein besucht und der Kleinste ist.

Binnen Stunden hat die Chefin eine Allianz gegen den Läuseterror geschmiedet. Egal, wo sie sich verstecken, wir werden sie finden, und zwar vor Nikolaus. Schon zum dritten Mal innerhalb von 24 Stunden zieht sie mir mit einem feinzinkigen Metallkamm die letzten Haarwurzeln vom Schädel und hinterlässt blutige Furchen. Sollen die Läuse in meinem Blut ertrinken? Trotz des garstigen Geharkes hat die Chefin nicht ein einziges Tier bei mir gestellt, was sie wurmt. Die Jungs waren komplett verseucht, haben es aber nicht mal bemerkt. Es folgen die Tage des Bodenkampfes: Jedes Kissen, jede Mütze, jede Parkettfuge wird ausgekocht.

Flankierend werden Chemiewaffen eingesetzt. Wer kein Helene-Fischer-Parfüm zur Hand hat, bekommt vom Apotheker ein Wundermittel empfohlen, das dummerweise in zwei Güteklassen gereicht wird: Economy muss die ganze Nacht durch die Kopfhaut ätzen, während Premium nur eine Stunde braucht. Die Chefin hatte sich Premium gegönnt, während ich für die Jungs nur Economy angeschafft hatte. Schon bei der dritten Anwendung hatten wir den Wirkzeittrick entdeckt.

Und dann natürlich die Kommunikation. Auf keinen Fall die VW-Strategie und jedes Tier einzeln vermelden, sondern schonungslose Offenheit von Anfang an. Macht auch gar nichts: Läuse kommen praktischerweise immer von anderen, womit die Schuldfrage vergesellschaftet wäre. Lehrer lachen, Trainer auch und selbst zwielichtige Mitmenschen gestehen: „Hatten wir auch schon.“ Das Mantra lautet: „Hat nichts mit Hygiene zu tun.“ Sagen jedenfalls Läuseopfer. Als jemand, der sein Leben lang läusefrei war, sehe ich das etwas anders. Derzeit warte ich auf den Laus-Alarm-Anruf aus dem näheren Bekanntenkreis. Ich werde lachen, das Premium-Mittel empfehlen und sagen, dass es mit Hygiene nichts zu tun hat. Es sind diese kleinen, geflunkerten Sätze, die eine Gesellschaft zusammenhalten.