Haben Sie Freunde oder Familienangehörige in anderen Bundesländern? Reden Sie mit denen manchmal über Ihre Behördenerlebnisse? In den letzten Jahren habe ich mir viel anhören müssen, wenn ich zu Besuch in Westdeutschland war und wir erst über Urlaub, dann über Flüge und schließlich – natürlich – über den Flughafen BER sprachen. Ich sah dann in mitleidig lächelnde Gesichter, erzeugte aber auch den ein oder anderen Lacher, wenn ich von übervollen Kabelschächten, Wänden, die wieder abgerissen werden müssen oder zu schweren Ventilatoren an der Terminaldecke erzählte.
Der BER ist – da das Eröffnungsdatum ja immer noch nicht feststeht – gerne noch ein Thema beim Familientreffen außerhalb von Berlin. Neuerdings schlägt das Lageso aber selbst den Hauptstadtflughafen. Wer hätte das gedacht, dass beim Heidelberger Festtagsessen selbst die Freunde aus Baden-Württemberg die Abkürzung „Lageso“ beherrschen und nachfragen, wie es denn da nun weitergehe ... Das mitleidige Lächeln kannte ich schon. Meine Antworten, nun, die ähneln denen, die ich beim BER gebe. „Es muss ..., es wird ..., es ist eigentlich nicht zu erklären ..., es dauert noch ..., die Verwaltung hat die Probleme nicht gesehen ..., die Politiker sind überfordert ..., die Kontrolle hat versagt ...“
Ob es mit BER und Lageso getan sein wird? Ich befürchte nicht. Das nächste Wort aus Berlin, das bundesweit Karriere machen könnte, ist „Bürgerämter“. Als die Bürgerämter eingeführt worden, war ich ein Fan. Ich habe mir online rechtzeitig einen Termin für die Personalausweis- oder Passverlängerung buchen können, ich kam dann auf die Minute pünktlich dran, es gab keinen Grund zu klagen. Doch Berlin wächst, immer mehr Menschen müssen sich um- oder abmelden, brauchen Papiere oder Parkraumvignetten. Die Klagen sind bekannt: Online gibt es auf zwei Monate im Voraus keinen Termin mehr, man kann nur ein Anliegen pro Termin erledigen, statt der erforderlichen 80 zusätzlichen Personalstellen beschlossen SPD- und CDU-Fraktion in ihrer Weisheit nur 36 zusätzliche Stellen. Also drei pro Bezirk. Dabei kann man das aufgrund der Erfahrungswerte leicht ausrechnen – jedes Jahr wendet sich eine bestimmte Anzahl der Berliner an das Bürgeramt, jeder Vorgang dauert zwölf bis 15 Minuten, daraus ergibt sich die Stellenzahl, die man braucht.
Doch Politiker wollen keine Mathematiker sein – und lösen das Problem deshalb nicht. Schlimmer noch: Sie verschärfen die Situation weiter. Weil die Klagen über die Bürgerämter nicht abreißen, beschlossen SPD- und CDU-Fraktion dann kurz vor der Weihnachtspause, dass nun länger am Abend und auch an den Wochenenden gearbeitet werden soll. Ach, könnten sie doch rechnen! Wenn es nicht mehr Mitarbeiter gibt, bringt eine solche Maßnahme gar nichts. Denn die Mitarbeiter, die in den Abendstunden oder am Wochenende ran müssen, haben Anspruch auf Freizeitausgleich. Das heißt, sie fehlen dann unter der Woche. Und teurer wird es auch noch.
Als ich meinen Freunden in Potsdam jetzt von meinem Versuch, eine Parkraumvignette zu bekommen, erzählte, lachten sie nur. Dabei weiß ich doch, wie es geht. Nur der Begriff „Unterschriftenberechtigung“, die von mir verlangt wurde, war mir neu. Weil die Bürgeramtsmitarbeiterinnen aber nicht mehr auf Mails antworteten und auch telefonisch nicht zu erreichen waren („Aufgrund des hohen Antragsvolumens bitten wir Sie von telefonischen Nachfragen abzusehen.“), dauerte es mehr als drei Wochen, bis ich die neue Vignette bekam. Auch dies nur Dank freundlicher anderer Helfer im Bezirksamt. In Potsdam, so lernte ich, geht das schneller. Viel schneller.
Zum Jahreswechsel sprechen viele davon, dass die Integration der Flüchtlinge die Herkulesaufgabe im kommenden Jahr sein wird. Richtig. Die Herkulesaufgabe Nr.2, das ist in Berlin jedoch eine Verwaltungsreform. Gesucht wird noch ein mutiger Politiker, der sich da ran traut.





