Es ist das Jahr der Baby-Boomer. Wir, die wir im Jahr 1964 geboren wurden, feiern in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Den 50. Der Jahrgang 1964 war der stärkste Jahrgang der deutschen Nachkriegsgeschichte und hält damit einen Rekord. 1.357.304 Babys sind vor 50 Jahren in Deutschland auf die Welt gekommen – jeden Tag 3708, jede Stunde 155.

Ein Rekord, den wohl kein künftiger Jahrgang erreichen wird, wahrscheinlich auch keine andere Generation in Deutschland. Denn das haben wir in dieser Woche ja gelernt: Deutschland wächst zum dritten Mal in Folge, aber vor allem durch Zuwanderer.

Mindestens 40 Kinder in einer Klasse

Viele der 64er werden in diesem Jahr gewürdigt. Henry Maske, nun auch 50, wurde schon gefeiert, Johannes B. Kerner gehört zu dieser Generation, aber auch Jürgen Klinsmann und Hajo Schumacher. Das erste Buch über diese Rekord-Generation mit dem prägnanten Titel „1964“ ist schon im vergangenen Jahr erschienen, weitere „Baby-Boomer“-Bücher sind in Arbeit. Solch ein runder Geburtstag ist ja auch immer eine gute Gelegenheit zurückzublicken, einen Moment innezuhalten und zu schauen, was aus einem selbst und all den anderen geworden ist.

Eines hat uns, hat mich sicherlich geprägt: Wir waren immer viele. Viele Kinder im Kindergarten, viele Kinder auf dem Spielplatz, viele Kinder in der Straße – meine erste Freundin wohnte gegenüber und war drei Tage nach mir geboren worden – , viele Kinder in der Schule. 40, mindestens, in einer Klasse. Ab der 5. Klasse ging ich aufs Gymnasium, eine Mädchenschule – da waren wir sogar 42. Zum Leidwesen der Eltern, die sich eine Grenze bei 40 gewünscht hätten. Eine Klasse mit 25 Kindern – unvorstellbar. Und wir waren allein sieben Christinen in meiner Klasse – jede mit einem anderen Spitznamen, aber wenn der Lehrer „Christine“ rief, waren wir doch alle hellwach. Manchmal ganz schön anstrengend.

Wir kannten das Leid der Teilung Deutschlands

Und auch das gehört zur Geschichte der vielen dazu: Uns wurde viel Angst gemacht. Dass wir keinen Studienplatz bekommen, dass wir keinen Ausbildungsplatz finden, dass wir später einmal keinen Job haben (“Studier bloß nicht Lehramt oder Politik“), dass wir keine Wohnung in Berlin finden (ja, das Problem stellt sich heute wieder, aber aus ganz anderen Gründen), dass die Welt untergeht – saurer Regen, Waldsterben, Tschernobyl, Nach- und Aufrüstung. Wie schön, dass viele der 64er dann doch studiert haben, beruflich erfolgreich sind, nicht ängstlich, sondern mutig waren.

Wir werden also viel feiern in diesen Wochen und Monaten des Jahres 2014. Die Geburtstage der berühmten und der unbekannten 64er. Aber wir werden uns in diesem Jahr auch erinnern an den Fall der Mauer – damals waren wir 64er gerade mal 25 Jahre alt. Wir kannten die Teilung Deutschlands, wir haben das Leid miterlebt und kaum noch daran geglaubt, dass diese Mauer mal fallen wird. Wir können den jungen Menschen, die seitdem geboren wurden, noch erzählen, wie das war – die schlimme Zeit bis 1989, die gute Zeit danach. Manch einer meiner Freunde hadert mit seinem 50. Geburtstag. Glauben Sie mir, ich möchte keinen Tag jünger sein.