Nationalsozialismus

Erst brannten die Synagogen, dann floh der Vater aus Berlin

Margit Siebner ist eine der letzten Zeitzeugen der Reichspogromnacht. Die Tochter eines Juden sah am 9. November 1938 in Berlin die Synagogen brennen.

Foto: Reto Klar

In der letzten Erinnerung, die sie an ihren Vater hat, steht er im Zug und schaut auf sie herunter. Wie immer trägt er einen Hut. Er ist ein eleganter Mann. „Gittemaus, lern Englisch!“, ruft er ihr zu. Sie werden sich ja wiedersehen. Bald. In Shanghai werden sie ein neues Leben beginnen. Er, Fritz Cohn, 42 Jahre alt, seine Frau Gertrud und seine zehnjährige Tochter Margit. Die sich jetzt die Tränen verbeißt. Ja, natürlich wird sie Englisch lernen! Sie hat ja längst angefangen damit. Auch wenn sie nicht aufs Lyzeum darf, wo es gelehrt wird. Dann fasst sie ihren Cousin an der Hand, der sie zum Lehrter Bahnhof begleitet hat. Die Mutter hatte es nicht gewagt mitzukommen. Es ist Montag, der 6. Februar 1939. Der Zug setzt sich in Bewegung nach Genua. Dort wird Fritz Cohn mit dem letzten Flüchtlingsschiff nach Shanghai entkommen. In Deutschland beginnt die systematische Ermordung der Juden.

Das Novemberpogrom 1938 - Die Berlin-Karte

Margit Siebner legt die wenigen Fotografien, die sie von ihrem Vater besitzt, auf dem Sofatisch nebeneinander. Am Bahnhof hat damals niemand fotografiert. „Für Fotos ging man zum Fotografen.“ Ein Bild zeigt Fritz Cohn mit Melone. „Das war schon in Shanghai.“ Auf einem anderen trägt er Anzug und Strohhut und steht mit einem kleinen Mädchen im Grünen. „Das bin ich, 1932, da war ich vier.“ Ein Zeitungsfoto zeigt einen Bücherkarren. Der Vater, gelernter Buchhändler, betrieb in Shanghai zuerst eine fahrbare Leihbücherei mit deutschen Büchern. Auf dem letzten Foto ist ein Stolperstein am Spittelmarkt zu sehen: „Hier wohnte Fritz Cohn, geboren 1896, Gestapohaft KZ Buchenwald, emigriert 1939 Shanghai.“

Vier letzte Wochen mit dem Vater

An jenem Montagmorgen 1939 fährt Margit ohne den Vater zurück nach Hause, in das Zigarrengeschäft der Mutter am Spittelmarkt. Jetzt weint sie doch. Vier Wochen lang hat sie den Vater vor seiner Abreise täglich gesehen. Zum ersten Mal, so empfand sie es, hatte er wirklich Zeit für sie gehabt. Erst später wird sie begreifen, was damals hinter ihm lag – und was noch vor ihm. Vier Wochen zuvor war er nach einem Jahr Haft aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen worden. „Hätte meine Mutter nicht die Schiffspassage nach China für ihn organisiert, hätte die Gestapo ihn wieder abgeholt.“

Der Vater nimmt sie mit zur Polizei, wo er sich jeden Tag melden muss. Und in die einzige Konditorei, an der nicht steht „für Juden verboten“, so wie am Zoo, den Geschäften, selbst an den Parkbänken. „In der Konditorei erzählte er mir zum ersten Mal von seinen jüdischen Eltern.“ Darüber war in der Familie bis dahin immer geschwiegen worden.

Margit Siebner hat die Erinnerung an diese vier Wochen bewahrt wie einen Schatz. „Für mich als Kind war es eine wunderbar aufregende Zeit.“ Auch wenn der Vater aus Buchenwald als gebrochener Mann zurückgekehrt war. „Wenn er wieder vornübergebeugt da saß und grübelte, versuchte ich, ihn aufzuheitern.“ Von den schrecklichen Erlebnissen des Vaters im Konzentrationslager erfährt sie nur beim Lauschen an der Tür. Der Vater berichtet der Mutter von Menschen, die an Bäumen aufgehängt wurden, und wie er verprügelt wurde, weil er einem Mitgefangenen ein Stück Brot geschenkt hatte.

Wer etwas über Margit Siebner wissen will, soll sie googeln

Auf Margit Siebners Sofatisch stapeln sich neben den abgegriffenen Schwarz-Weiß-Bildern viele Glückwunschkarten. Sie ist gerade 85 geworden. Es ist nicht so, dass sie in der Vergangenheit lebt. Im Gegenteil. Wer sie sprechen möchte, muss einen Termin vereinbaren. Sie praktiziert bis heute als Psychotherapeutin in ihrem Haus in Lichtenrade. Wer etwas über sie wissen möchte, dem empfiehlt sie: „Sie können mich googeln.“

Margit Siebner trägt das Haar dunkel wie schon ihr ganzes Leben. Und schaut ihr Gegenüber aus graugrünen Augen aufmerksam an. Die Geschichte ihres Vaters und ihrer Kindheit hat sie unzählige Male erzählt. Wenn auch nicht aus Nostalgie. Ihre fünf Kinder, sagt sie, „sollten nie an Türen lauschen müssen wie ich, um zu verstehen“. Seit 15 Jahren besucht sie als Zeitzeugin Schulen und öffentliche Veranstaltungen, oft mehrmals die Woche, „damit nie wieder geschieht, was damals geschah“.

Als Kind hat sie nur davon tuscheln hören. Heimlich lauscht sie an der Tür, wenn aus dem Volksempfänger wieder diese schnarrende Stimme tönt, Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der gegen die Juden hetzt. In den ersten Jahren, als der Vater noch seine Buchhandlung besitzt, hockt sie im Untergeschoss und blättert in den Bänden des Antiquariats und hört, wie sich oben der Vater mit seinen jüdischen Freunden streitet. „Die einen waren der Meinung, sie seien doch Deutsche, ihnen werde nichts passieren. Die anderen sagten: ‚Lest ihr nicht im ‚Stürmer‘, wie über uns gehetzt wird?‘“

Fritz Cohn, der Buchhändler, gehört im Berlin Anfang der 30er-Jahre zu jenen Juden, die die Nazis nicht fürchteten. Fritz Cohn, geboren im Jahr 1896, ist nach Friedrich dem Großen benannt. Er war als Soldat freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen. „Noch 1934 bekam er dafür ein Ehrenkreuz vom Führer und Reichskanzler. Er war sehr stolz darauf.“

Der jüdische Vater kommt ins KZ

Doch zwei Jahre später muss Cohn sein Buchgeschäft verkaufen. „Es wurde für einen Appel und ein Ei ‚arisiert‘“, sagt die Tochter. Cohn kauft seiner nicht-jüdischen Frau ein Zigarrengeschäft gegenüber. Im Keller versteckt er einen Teil seiner Bücher, von denen er ab und zu eins verkauft. Verbotenerweise. „Meine Mutter und ich wussten nichts davon.“ Eines morgens wacht Margit auf, als fremde Männer in der Wohnung stehen: Der Vater müsse mitkommen. Es ist die Gestapo. Der Vater weint. Die Mutter versichert immer wieder: „Er hat nichts getan.“ Margit klammert sich an den Vater, der wiederum naiv nachfragt, ob er denn sein Fahrrad mitnehmen könne.

Erst sechs Wochen später bekommt die Familie eine Nachricht. Fritz Cohn ist im Konzentrationslager Buchenwald. „Meine Mutter beschloss: ‚Da hol ich ihn wieder heraus.‘“ Bloß: Wie? Als der Vater in Buchenwald inhaftiert ist, muss Margit zu Hause immer öfter hinter dem Tresen des Zigarrengeschäfts stehen, während die Mutter im Nebenzimmer Besuch empfängt. „Es gab Kunden, die immer häufiger kamen, seit mein Vater weg war.“

Einer trägt das Parteiabzeichen der NSDAP. Er ist freundlich zu Margit. „Na, du kleine Krabbe, du kannst ja kaum über den Ladentisch gucken“, neckt er sie, „aber das macht nichts, dann kannst du besser verschwinden.“ Sie ahnt nicht, was er meint. Der Mann gibt der Mutter Ratschläge, was sie tun soll, um Fritz zu retten. Er empfiehlt ihr, sich scheiden zu lassen, weil sogenannte Mischehen als Rassenschande galten. Die Mutter reicht tatsächlich die Scheidung ein, als sie hört, dass es helfen könne, Fritz freizubekommen. Der Mann schützt Margits Mutter und auch deren Geschäft. Auch an jenem Tag, als rundum die Welt in Flammen aufgeht.

Die Übersichtsseite zu 75 Jahre Pogromnacht 1938

So zumindest sieht es für Margit aus, die an jenem Morgen allein vor die Tür geschickt wird. „Ich sollte nachschauen, was mit den Geschäften von Leuten passierte, die wie meine Mutter einen jüdischen Ehepartner hatten.“ Draußen riecht es nach Feuer. „Rundum brannten die Synagogen.“ Doch die Neugier ist stärker als die Angst, Margit läuft weiter. Sie steht an zerschlagenen Schaufenstern, sie sieht Uniformierte und ganz gewöhnliche Berliner, die wie im Rausch die Läden plündern. Und andere, die tatenlos zuschauen. Sie selbst dreht sich immer wieder nach den Polizisten um, die damals noch Schutzmänner genannt werden. Doch sie schützen niemanden. „Sie standen einfach da und feixten.“

Alle Geschäfte jüdischer Ladenbesitzer sind mit weißer Farbe beschmiert. „In großen Buchstaben stand jeweils der Name daran, ergänzt durch die Vornamen ‚Israel‘ oder ‚Sara‘, die damals allen Juden aufgezwungen wurden“, erinnert sich Margit Siebner. „Die Plünderer sollten wissen, wo sie hinmussten.“ Auch am Laden ihrer Mutter steht „Gertrud Sara Cohn“, obwohl sie ja keine Jüdin ist. Das Schaufenster ist heil. Daneben steht jener Kunde mit dem Parteiabzeichen und sorgt dafür, dass die weiße Farbe weggewischt wird. Es ist der 9. November 1938, der zunächst unter dem harmlosen Begriff „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingeht. Doch es sind mehr als nur Scheiben, die an jenem Tag zu Bruch gehen. Für Margit, die gerade zehn geworden ist und auf ihren Vater wartet, wird danach nichts mehr sein wie zuvor.

Nur noch ein Mädchen hält zu ihr

Bis dahin, sagt sie, seien die Veränderungen schleichend gekommen. Es hatte damit begonnen, dass immer weniger Schulfreunde sie zu Geburtstagen einluden. Nur noch ein Mädchen hält schließlich zu ihr, Helga, die Tochter eines Kohlenhändlers. „Der Vater scherte sich nicht um die Nazis.“ Helga ist es auch, die Margit hilft, die schweren Bücherpakete zur Post zu schleppen, die Margit ihrem Vater nach Shanghai schicken soll. Der hat dort gerade seine rollende Leihbücherei eröffnet. Margits Mutter darf beim Paketeschleppen nicht helfen. Nicht-Juden ist ja der Umgang mit Juden verboten.

Auf dem Schulhof wird Margit gehänselt: „Dein Vater hat eine Hakennase und stinkt.“ Im Unterricht erscheinen Menschen vom „Rasseamt“ und vermessen die Köpfe der Kinder, um festzustellen, wer „arisch“ ist und wer nicht. Der Beweis misslingt. Margits Ohrläppchen sind nicht angewachsen wie angeblich bei allen „Mischlingen“. Als ein Fotograf ein Klassenfoto macht, schubst ein blondes Mädchen Margit weg: „Mit der Judengöre will ich nicht auf ein Bild.“ Schließlich beginnt Margit, ihren Klassenlehrer zu hassen, obwohl sie Klassenbeste ist. Er hat sie verraten, so empfindet sie das. Der Lehrer hat dem Lyzeum, das sie besuchen wollte, von ihrem jüdischen Vater erzählt. Das Lyzeum hat sie daraufhin abgelehnt.

Wie sehr traumatisiert eine solche Kindheit einen Menschen? Hass, sagt Margit Siebner, sei ein Gefühl, das sie schnell überwunden habe. Sie gehört zu jenen Menschen, die immer auch die andere Seite sehen. So gab es in ihrem Leben auch Menschen, die sie trösteten. Wie die Handarbeitslehrerin, die sie eines Tages beiseitegenommen hatte: Ob sie denn nicht wüsste, dass sie einen ganz besonderen Namen trage? Die „Cohanim“ seien die Priesterkaste in Israel. „Das hatte ich bis dahin nicht gewusst.“ Ihr Vater, dem sie davon erzählte, hatte nur trocken gesagt: „So kann man es auch sehen.“ Margit Siebner dagegen hat sich den Stolz erhalten. Auch wenn sie später in die katholische Kirche eintrat – ihr Interesse an ihrer Herkunft und Israel blieb. „Ich war inzwischen 25 Mal dort.“

Doch im Jahr 1939 ist von Reisen nicht mehr die Rede. Zwar schickt der Vater aus Shanghai schon am Tag seiner Ankunft ein Telegramm: „Kommt sofort nach!“ Doch schon wenig später rät er, lieber zu warten. Dicht auf dicht hausen die jüdischen Flüchtlinge in Shanghai in engen Räumen. Mindestens 20.000 Menschen sind aus Deutschland und Österreich im letzten Moment nach Shanghai geflohen. Der Vater schreibt viel. Von 1941 an dürfen Briefe nur noch 25 Worte lang sein. Einige hat Margit Siebner aufbewahrt. Einsame, traurige Zeilen. „Geliebte Kinder! Bin noch in ärztlicher Behandlung. Viel Geld geht drauf. Mein einziger Gedanke ist, wann ich Euch wiedersehe. Seid innigst gegrüßt. Euer Papimann.“ Irgendwann kommen keine Kurzbriefe mehr.

Zwei Jahre versteckt in der Fabrik

Margit muss sich in Berlin endgültig vor den Nazis verstecken. „Immer mehr Freunde und Verwandte wurden abgeholt und in KZs gebracht.“ Schule gibt es nicht mehr. Ab 1943 werden die Berliner Kinder vor dem Bombenkrieg aufs Land in Sicherheit gebracht, „aber natürlich nicht Mischlingskinder wie ich“. Zu Hause achtet ein finsterer Blockwart darauf, dass Margit als „Halbjüdin“ bei Bombenalarm nicht mit in den Luftschutzkeller kommt. Schließlich findet die Mutter eine Lösung.

Ein weiterer Zigarrenkunde bietet an, Margit unter dem Mädchennamen der Mutter in seiner Leimfabrik anzustellen. „Der Mann verwaltete eine Fabrik, die ihm seine jüdische Geliebte überlassen hatte unter der Bedingung, er solle Juden helfen.“ Zwei Jahre arbeitet und wohnt Margit Siebner in der Fabrik an der Stallschreiberstraße in Kreuzberg, die als „kriegswichtig“ gilt und weiter produziert. „Mir ging es gut dort, es gab zu essen, ich lernte Maschinenschreiben und Stenografie.“ Nur einmal schleicht sie sich weg. In die „Volksbücherei“, um ein Buch auszuleihen. Zurück ins Versteck bringt sie nicht nur neuen Lesestoff, sondern auch einen Traum. In der Bibliothek hat sie den Angestellten zugeschaut, den Herren über das, was sie am meisten liebt – Bücher. „Ich beschloss, später Bibliothekarin zu werden.“ Margit Siebner lächelt. „Sieben Jahre später stand ich tatsächlich als Praktikantin in genau jener Bücherei.“

Wenn sie ihre Geschichte Schülern erzählt, fügt sie hinzu: dass man nicht aufgeben darf, an Unmögliches zu glauben. 20 Jahre arbeitet sie als Bibliothekarin, um dann noch einmal einen Traum zu verwirklichen. Sie studiert Psychologie und wird Psychotherapeutin. Lange arbeitet sie in der Paar- und Familienberatung. Dann, plötzlich, stößt sie wieder auf ihren Vater. Genauer gesagt: Auf ein Gefühl, das sie selbst gar nicht so kennt, aber offenbar vom Vater übernommen hat – jene Verlassenheit, die aus den letzten Zeilen spricht, die er aus Shanghai schickte.

Margit Siebner hat ihren Vater nicht wiedergesehen. „Meine Mutter hat nach 1945 noch die Scheidung rückgängig gemacht und immer gehofft, dass er zurückkehrt.“ Doch 1946 kommt nur ein nüchternes Schreiben von einer Behörde. Fritz Cohn ist 1946 in Shanghai an einer Kehlkopftuberkulose gestorben.