So schnell kann sich das Blatt wenden: Noch vor drei Wochen dachte ich, dass wir so langsam mit der Saison beginnen könnten und der Winter wohl nicht mehr zu erwarten ist. Von wegen langsam, die Menschen kommen in großen Scharen und kaufen Frühjahrsblüher, Kräuter, Sträucher und Stauden, als ob es im letzten Jahr keine Blumen gegeben hätte. Anstatt mich also ganz gemächlich aufs Frühjahr vorzubereiten, laufe ich in aller Eile von einem Ende der Gärtnerei zum anderen, um zu überprüfen, was in Kürze unbedingt in die Erde muss. Zu diesen nun eilig zu pflanzenden Gewächsen gehören vor allem Fruchtsträucher, wie Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, und Fruchtstauden, wie Erdbeeren und Rhabarber. Natürlich ist es heute möglich, diese Fruchtsträucher das ganze Jahr über zu kaufen und zu pflanzen, denn es gibt alle als Containerware. Doch wer schon in diesem Jahr von der eigenen Ernte naschen möchte, sollte die Sträucher jetzt in den Boden bringen.

Es lohnt sich auch, jetzt loszuziehen, um noch eine große Auswahl vorzufinden, denn später in der Saison sind die ungewöhnlichen und selteneren Sorten bereits vergriffen. Bei den Erdbeeren würde ich auf alte Sorten mit viel Lebenserfahrung setzen, wie Elsanta, Korona oder – die Lieblingssorte meiner Chefgärtnerin – Senga Sengana, die zwar keine Riesenbeeren trägt, dafür aber tatsächlich nach Erdbeere schmeckt. Natürlich sind die vielen neuen Sorten nicht unbedingt schlechter, doch häufig wurde ihnen eine Erdbeereigenschaft genommen, um einem Bedürfnis des Menschen Rechnung zu tragen. So wird beispielsweise seit Langem im kommerziellen Anbau an der Lagerfähigkeit der Erdbeere getüftelt, damit die Erdbeere aus Chile nach der langen Reise auch noch als solche hier ankommt.

Auch wird an der perfekten Form der Beere gefeilt. Für derartig neue, den Verkauf fördernde Fähigkeiten wird dann oft auf eine oder zwei wertvolle Charaktereigenschaften, wie Geschmack oder Säuregehalt, verzichtet. Apropos Säuregehalt: Ich möchte auf den Rhabarber zu sprechen kommen, zu Deutsch: Gemeiner Rhabarber, Rheum rhabarbarum. Was an ihm allerdings gemein sein soll, hat sich mir noch nicht erschlossen, außer vielleicht, dass sich nach dem Verzehr die Zähne so rau anfühlen. Dies hängt mit dem Fruchtsäuregehalt des Rhabarbers zusammen, denn ein einziger Stängel kann schon 460 mg Oxalsäure enthalten. Wer es lieber süßer mag, sollte deshalb auf die grünstieligen Sorten, wie Gigant oder Goliath (90 cm hoch), verzichten und auf die bekannten rotstieligen Sorten, wie Frambozen Rood (himbeerfarben), Rotstiel oder der wohl winterhärtesten und geschmackvollsten Sorte Holsteiner Blut vertrauen.

Ein Geheimtipp für echte Rhabarberfans ist der Rhabarbertreiber. Das kann ein Eimer oder ein extra dafür getöpferter Rhabarbertopf sein, der über den heranwachsenden Rhabarber gestülpt wird, um ihn geschützt im Dunkeln zu halten. Wenn es dann nach einigen Wochen warm wird, braucht der Rhabarber ein wenig Licht. Dafür hat der Rhabarbertopf einen kleinen Deckel, den man leicht kippt, sodass etwas Tageslicht eindringen kann. Der Rhabarber streckt sich dann sehr schnell hungrig und vor allem sonnendurstig gen Topflücke. Die im Halbdunklen gezogenen zart rosafarbenen Stängel duften köstlich und haben aufgrund des fehlenden Sonnenlichts nur einen Bruchteil des Säuregehalts entwickelt, der bei offen kultivierten Pflanzen entsteht. So ein handgedrehter Terrakotta-Rhabarbertopf ist schon eine Augenweide im Garten und sollte unbedingt als Gartenskulptur betrachtet werden, denn amortisieren wird er sich bei den Wenigsten.