Nachtsicht

In der Paris Bar mit der Generation Z versacken

Wie die Paris Bar an der Kantstraße zu ihrem zweiten Wohnzimmer wurde und warum sie diesen Ort so liebt, sagt Paulina Czienskowski.

Paulina Czienskowski

Paulina Czienskowski

Foto: Reto Klar

Berlin.  Seit einer Weile ist die Paris Bar an der Kantstraße mein zweites Wohnzimmer. Da kurz vor dem Bahnhof Zoo, wo die Autos vorbei rasen und sich die Züge über die Brücke schieben. Wo man im Sommer den Sonnenuntergang auf der Terrasse erleben und im Winter wegen der Heizstrahler noch draußen sitzen kann.

Da gibt es Weißwein und Pommes mit Sauce Béarnaise. Für uns auch noch um Mitternacht, wenn wir lieb fragen. Wobei wir das gar nicht mehr müssen. Ich treffe meine Freunde dort mehrmals die Woche, die Kellner kennen uns beim Vornamen, wissen, was wir mögen. In einem Leben mit wenig Traditionen gibt mir der Ort ein Gefühl von Stabilität.

Wir gehören zum Inventar. Niemand wundert sich hier über uns. Ungeniert kann ich in Daunenjacke und Sneaker neben Perlen und Pelz tragenden Menschen konsumieren. Auf merkwürdige Weise fühle ich mich trotzdem intellektuell. Vielleicht auch, weil die Wände mit Kunstwerken getäfelt sind.

Bis wir den Ort zu unserer Lebenskonstante etabliert haben, hat gedauert. Und trotzdem, innerhalb dieses sicheren Gefüges, inmitten der vermeintlichen Bohème Berlins, gibt es immer wieder unerwartete Begegnungen, surreale Gespräche, ewige Nächte.

Um subtil Sozialstudien zu betreiben, die Gesellschaft zu durchleuchten, ist man hier am richtigen Ort. In Clubs, wo man sich auch in ein Meer unterschiedlicher Charaktere begibt, ist es dafür zu laut und dunkel. In der Paris Bar ist das Geschirrklirren der Bass. Die Kellner sind Türsteher, Barkeeper, die guten Bekannten in einem.

Mein Stammclub ist gefüllt mit Schauspielerinnen, Jazzmusikern, Galeristen, Musen und Kunststudentinnen, mit Rolf Eden und Familie, Jungregisseuren und russischen Malerfürsten. An ihnen kann man sehen, wie man sein will. Und wie unter Umständen niemals.

Wie man hätte sein können, lernten wir erst neulich. Neben uns Mutter und Vater mit Sohn. Was für ein hübsches Geschöpf, dieser Junge, dachten wir. Gut angetrunken stolperte ich zu ihnen, gab den Eltern ein Kompliment für den Nachwuchs und fragte ihn – im Auftrag meiner Clique – nach seinem Namen.

Zurück an unserem Tisch begannen wir, seine digitale Existenz zu erkunden. Noch angetrunkener schrieben wir ihm, als er längst weg war.

Ziehst du noch weiter?

Bist du drauf oder bist du immer so? Haha

Wir sind ganz normale Menschen.

Gechillt. Sind nicht viele so.

Komm vorbei, wir laden dich auf ein Getränk ein.

Macht ihr es wirklich?

Klar!

Ok gechillt, wie lange seid ihr noch da?

Wie lange brauchst du?

Etwa 5 Minuten.

Und so kam es, dass wir bis vier Uhr nachts mit jenem 17-Jährigen über Familie, Freundschaft, die Liebe sprachen. Ein kluger, reflektierter Typ, einer, der beweist, dass die sogenannte Generation Z (die nach 1995 Geborenen) deutlich wacher durch die Welt geht, als wir es als Teenager je getan haben.

So wie die meisten unserer Nächte endete auch diese mit dem Kassenschnitt. Die Kellner – im Herzen so proletig wie wir – dann ohne weiße Schürze, mit Kapuzenpulli und mit einem Absacker neben uns.

Der junge Mann übrigens folgt uns nun auf Instagram. Ich frage mich, ob er etwas aus der Nacht gezogen hat wie wir. Ich jedenfalls habe gelernt, dass Altersunterschiede nicht immer von Bedeutung sind.

Wenn Sie also mögen – egal wie alt – kommen Sie doch mal vorbei, wir sind sicher da. Und Pommes mit Sauce Béarnaise sind wirklich der perfekte Mitternachtssnack.

Mehr Nachtsichten:

Berliner Clubs: Zwischen Himmel und Hölle, Detox und Ekstase

Angezogen zur Nacktparty

Die Wahnwelt der Berliner Influencer