Es war ein Mittwochabend. Wir – meine Freundin, ihr Hund und ich – sitzen bei einem Franzosen im Westen der Stadt. Es gibt Muscheln. Neben uns Professorinnen mit Silberschmuck vom Kunstmarkt und BWL-Studenten aus Lichterfelde West, die seit Ewigkeiten an einem Glas Aperol Spritz nippen. Alles wirkt erwachsen, gesittet, inhaltlich fundiert.

Unser Gespräch mit dem Kellner:
Hat es geschmeckt?
Der Sud war sehr salzig.
Espresso oder Dessert aufs Haus?
Zwei Glas Wein?
Er stockt, serviert dann trotzdem. Santé.

Was nun: Auf die Party – ja oder nein? Die Freundin und ich, einander beschwichtigend:
So was kann ja ganz witzig werden.
Ja. Nur einen Drink, bisschen glotzen, hallo sagen, dann abhauen.
Und es liegt sozusagen auf dem Nachhauseweg.
Okay gut, lass machen!

10 Minuten später in einer Querstraße vom Kudamm. Die Masse draußen, rauchend, bauchfrei. Alles Frauen, die wie Girls aussehen. Das an der Tür checkt unsere Namen auf einer Liste. Exklusivität und so. Sie ist dünn, trägt kurzes, blondiertes Haar, Tattoos überall. Sieht heiß aus.

Man kennt sie vom Sehen . So wie die meisten hier. Nur weiß man von niemandem so richtig, was er eigentlich genau macht, außer bei Instagram Fotos hochzuladen, sich darauf in digitaler Perfektion zu inszenieren. Namen gefunden. Viel Spaß, sagt sie, lächelt. (fake)

Eigentlich schrie ja alles schon vorher nach Belanglosigkeit. Gelegentlich aber ist da dieser voyeuristische Drang. Sogenannte Influencer zu beobachten, also jene Girls, die auf solche Partys eingeladen werden, um durch sie irgendetwas zu promoten. Diesmal geht es um Socken, die eine US-Sängerin mit einem Sporthersteller designed haben will. Ja, Socken!

Der erste Blick in den 40 Quadratmeter großen Laden dürfte nun nicht verwundern: alles rosa. Wände, Teppich, Klamotten. „We should all be feminists“ trägt eine auf ihrem T-Shirt über der Brust. Für die zum Takt der DJane-Tunes wippenden Girls sind wir Nicht-Influencer fast unsichtbar. Jeder hier fuchtelt mit seinem Smartphone in der Luft herum, als wäre es der neue Lover. Einmal drehen, 360 Grad. Pose! Schnute! Sexy Blick!

Sie winken den anderen euphorisiert ins Bild, ohne den Blick auch nur einmal vom jeweiligen Screen abzuwenden. Filmen sich selbst, einander und wie sie einander filmen. Nichts ist ihnen peinlich, macht ja jeder hier so.

Zwei Girls – Ende 20 wie wir, die eine bekannt, die andere will es unbedingt werden – treffen aufeinander. Küsschen links und rechts. Dann Smalltalk:

Haaaallooooo.
Hi, na, alles gut?
Jaaaa vooooooll, wir haben gerade sooo Spaaaaß.

Danach kleben ihre Blicke direkt wieder auf den Displays. Ich bin irritiert. Vom Häufchen Mensch, das plötzlich neben unseren Füßen hockt. Eine uns Unbekannte posiert mit dem Hund meiner Freundin, ungefragt. Gib Pfötchen, sagt sie, er jault, während sie ein Video von sich und ihm macht. Zeit zu gehen.

Nach Hause können wir noch nicht, der Abend braucht ein fundierteres Ende. Also noch einen Absacker in der Paris Bar nehmen. Mit noch mehr Wein ziehen wir uns die neuesten Fotos der Influencer rein. Kopfschütteln. Auch über uns selbst, wir Opfer. Aber weiß ja niemand – digitaler Ferne sei dank. Santé!

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