„Komm mit“, sagen meine Freunde, als ich sie am Abend in einer Bar treffe. Auf mehreren 1000 Qua­dratmetern lassen sie in derselben Nacht die „Pornceptual“ steigen. Eine Nacktparty. Mit gespielter Lässigkeit willige ich ein. Bin ja nicht prüde oder so, denke ich.

Dabei mag ich Menschen nicht besonders. Das klingt soziophober, als ich es meine. Ich meine ihre nackten Körper. Zumindest mag ich den nicht bedingungslos von jedem Fremden, meinen übrigens auch nicht immer.

Am Eingang bin ich heilfroh, dass ich, anders als die 2300 anderen Gäste, die Wahl habe. Meine Klamotten schließe ich also nicht in einen Spind, bleibe lieber angezogen. Mein Schutzwall. Geht ja nicht jeden an, wo meine Problemzonen sind. In Jeans, Hoody und Regenjacke beginne ich wie ein Hausmeister aus einer Kleinstadt meinen durch die Partymacher begleiteten Streifzug. Eine dunkle, leicht modrig riechende Feierhöhle da unter der Erde. Es ist ultra heiß, stinkt nach Schweiß unterschiedlichster Nuancen, auch nach Sex. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100 Prozent.

Überall Genitalien

Fasziniert betrachte ich sämtliche Figurtypen, wie sie sich gleichermaßen ungeniert zum wummernden Technobass bewegen. Speckrollen wippen, spitze Knochen zeichnen sich im Schummerlicht unter dünner Haut ab. Überall Genitalien, mal in naturbelassenem Zustand, mal nicht. Ich fühle mich deplatziert, fast wie ein Spanner.

Es ist dämmerig und doch hell genug, um aus der Ferne einen bräsig auf einem Barhocker sitzenden pummeligen Glatzkopf zu beobachten. Sein Bauchfett verdeckt durch mehrere Lagen sein Glied. Während er so umherschaut, nippt er mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit am Bier.

Eine Frau, Mitte 40, trägt Korsage, die Brüste hängen wie Milchtüten über das Bustier. Zwei etwa 15 Jahre jüngere Jungs nuckeln daran wie gierige Wolfskinder. Es fällt schwer zuzusehen. Genau so schwer wegzusehen. Keine Chance für Scham, auch nicht für mich, die Voyeurin, die zu nüchtern ist, um das hier lange ungefiltert zu ertragen.

So viel Nacktes auf Party ist nichts Besonderes für Berlin

Weiter durch die fleischige Menge. Man muss aufpassen, nicht zu nah an die Körper gedrückt zu werden, deren Ausdünstungen ich nicht auf meiner Jacke mit nach Hause nehmen will. Parkourlauf zwischen Freaks und vielen anderen, die angezogen auch hinter der Supermarktkasse Bananen scannen könnten.

So viel Nacktes auf Partys ist nichts Besonderes für Berlin, das weiß ich natürlich. Berghain, Kit Kat Club, Ficken 3000 – klar. Nur scheint diese völlige Losgelöstheit mit dieser Veranstaltung in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, ohne gleich Fetisch zu bedeuten. Ziemlich cool eigentlich.

Laut Facebook nehmen elf meiner digitalen Freunde in dieser Nacht teil. Diese allgemeine Hemmungslosigkeit wirkt damit ohne Umwege dem verunsichernden Optimierungswahn und sämtlichen körperlichen Komplexen entgegen. Therapie durch nackte Konfrontation. Klug ist das.

Durch einen Hinterausgang schleiche ich mich unbemerkt davon

Unter einem Scheinwerfer entdecke ich eine Frau, etwa mein Alter. Hübsches Gesicht, wohlproportionierter Körper. In ihrem knappen Bikini wirkt sie fast schon angezogen im Vergleich zum Rest. Deutlich reizvoller, wie ich finde. Bevor sie wieder im Getümmel verschwindet, bemerke ich, dass ich sie kenne.

Unangenehm! Nicht sie halb nackt zu sehen, sondern wie ich, eine Spießerin mit offensichtlich mikroskopisch kleinem Selbstbewusstsein, voll in Stoff gehüllt hier umherzuwandern. Durch einen Hinterausgang schleiche ich mich unbemerkt davon. Draußen regnet es, wenigstens jetzt ergibt die Regenjacke Sinn.

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