Auf der Suche nach Fotos finde ich im Keller bloß Fremdscham. Die vor mir selbst. Im Alter von 14 bis 17 habe ich in ein rosa Buch mein Leben geschrieben. Nichts davon ist, seien Sie da sicher, zitierfähig. Aber damit Sie verstehen, wer ich damals war – oder zu sein glaubte – wo mein Anfang im Nachtleben liegt, in meiner "Nachtsicht", skizziere ich an dieser Stelle kurz.
Ich, ein Partymäuschen, das seine Erfüllung im Ausgehen finden wollte. Das war ich. An nur einem Wochenende war ich in drei Clubs. Manchmal in einer einzigen Nacht. Ich war tussig, mit sehr viel schwarzem Kajalstift. Enge Hüftjeans, High Heels. Perlenohrringe und geliehene Louis-Vuitton-Tasche, die mir meine Eltern niemals hatten kaufen wollen. All das sollte mich reif wirken lassen, so hoffte ich.
Durch die Begleitung 20-jähriger Erics und Bastis dachte ich, nachts einen gewissen Kompetenzzuschuss zu erlangen. Dabei sah ich noch mit 16 aus wie 13. Den Typen mit Führerschein, die ihren Arm um mich legen durften, war das egal. Rein und unbefleckt schien mein Wesen – reizvoll genug.
Als Gleichaltrige anfingen, auszugehen, war ich längst Frührentnerin
Ich habe früh mit diesem vermeintlich erwachsenen Leben begonnen. Und mit dieser Form genauso früh wieder aufgehört. Als Gleichaltrige anfingen, auszugehen, war ich längst Frührentnerin – abgeklärt, wichtigtuerisch, wenn auch nicht asketisch.
Meine Hochphase verbrachte ich im 90°, Annabells und Felix. Dorthin würde man mich heute nicht mal mehr für Geld kriegen. Überteuerte, spießige Clubs, zu Gast vor allem ältere, fettbäuchige Männer mit großen Uhren. Und wir. Rein kam ich mit geliehenen Ausweisen volljähriger Bekannter, stand auf Gästelisten oder kannte Darko und Ritschie an der Tür. In der Schule wurde bis Mittwochvormittag das vergangene Wochenende analysiert, ab nachmittags das nahende geplant. Immer wieder derselbe Film. Woche für Woche.
Vodka-Motten tanzen um riesige Schnapsflaschen
Ich saß in Lounges mit Typen, die sich wie Gigolos aufführten, bloß weil ihre riesigen Wodkaflaschen auf dem gemieteten Tisch Mädchen anzogen wie das Licht die Motten. Wir waren die Motten. Eine Flasche: 80 Euro. Ich bekam gerade mal 50 Euro Taschengeld. Im Monat.
Dass wir mit unseren kindlichen Hintern zu einfältiger Chartmusik wackelten – hallo, David Guetta! – widert mich da unten im Keller an. Ich beschließe, sollte ich je eine Tochter bekommen, sie niemals unbeaufsichtigt vor die Tür zu lassen. Schwachsinn, klar. Auch weil dann die knallharte Lügerei beginnen würde, so wie bei mir.
Meine damaligen besten Freundinnen waren nicht ohne Zufall diejenigen, die nach Hause kommen durften, wenn die Familie gerade Frühstückseier kochten. Bei mir war Sperrstunde ab halb elf. Für mein Feierglück erzählte ich glaubhafte Geschichten, um meine pflichtbewussten Eltern zu beruhigen. Sie ahnten alles, stellten sich blind.
"Partys betäuben mich, nur das Loch danach ist die Hölle!"
Das rosa Buch verrät aber auch, dass mich das alles im Kern nie glücklich gemacht hat. Dieses Unstete. Und doch wollte ich nicht ohne. Manche Sätze klingen nach inszenierter Tragik, in der ich mich gerne suhlte, auf der Suche nach einer Identität. "Partys betäuben mich, nur das Loch danach ist die Hölle!" Fremdscham 3000, ich werde rot. Pubertät.
Moment, denke ich. Am Ende wanke ich bis heute zwischen diesen beiden Polen. Zwischen Himmel und Hölle, Detox und Ekstase. Eine Nacht ganz oben, am nächsten Tag unten. Da hilft offenbar auch das Ende der Pubertät nicht. Lassen Sie sich also überraschen. Bis dahin erst mal Prost, auf in die Nacht!
Die neue Kolumne "Nachtsicht" finden Sie ab sofort zweiwöchentlich in der BIZ.


