Gourmetspitzen

Im "Relish" gibt es gutes Essen bei schlichtem Ambiente

Heinz Horrmann besucht das Restaurant „Relish“ im Hotel Westin Grand an der Friedrichstraße. Das, was auf den Tisch kam, war besser als das karge Ambiente und die wenig einladende Atmosphäre.

Foto: Massimo Rodari (2) / Massimo Rodari

Ein wenig Traurigkeit befällt mich im "Westin Grand" in Mitte. Hier war ganz oben einst ein überragendes Restaurant der Stadt, das wunderschöne und aufwendige "Silhouette", in dem Sternekoch Rolf Schmidt mit seinem handverlesenen Superteam brillante Menüs zauberte. Da war das Hotel allerdings nach der Wende noch das Flaggschiff der Maritim-Gruppe. Mit Starwood, dem US-Konzern, zu dem Westin gehört, war der Genuss vorbei. Sparen war angesagt, da sollte ein Lobby-Restaurant genügen und fürs Frühstück das einfache Restaurant "Coelln" im ersten Stock. Basta.

Wie aber ist das Restaurant Relish, so der Name, der übersetzt tatsächlich "Genuss" heißt, heute zu bewerten? Die Speisekarte mit dem albernen Aufdruck in Englisch "Feed the body, nourish the soul" ist aufgeteilt in "Beginn, Zwischengang. Ganz ohne (damit ist der Verzicht auf Fleisch gemeint), dann Hauptsache und unsere Stärke." Ein paar Sandwiches komplettieren die Karte.

Das, was auf den Tisch kam, war besser als das karge Ambiente und die wenig einladende Atmosphäre. Carpaccio von gebeizten Jakobsmuscheln, rosa gebratenem Tuna, Austernblatt und Wasabi-Eis. Das war nicht mehr als eine Amuse-Bouche-Portion, aber sehr gut gemacht. Die hauchdünnen Scheiben der Muschel als Basis und ein paar winzige Häppchen Thunfisch obendrauf, alles perfekt abgeschmeckt und als Besonderheit das mittelscharfe Wasabi-Eis, das eine gelungene Geschmacksbrücke zwischen den Einzelelementen war. Da gebe ich eine gute Wertung. Das gilt ebenfalls für den geräucherten Stör mit ein paar Körnchen Kaviar (scheinbar abgezählt), dreierlei Blumenkohl, Weizengras und Brioche-Knusper.

Winzige Portionen

Das Suppenangebot ist dünn, eine Essenz von rotem Paprika und eine Brokkolicreme. Im "besonderem Menü" ist die einzig erwähnenswerte, eine Steinpilz-Kartoffelsuppe und als Einlage eine Kleinigkeit vom Havelländer Apfelschwein. Mit den winzigen Portionen wird gewollt oder ungewollt Appetit auf Zwischengänge gemacht, so auf den auf der Haut kross gebratenen Loup de Mer mit Gemüsecouscous und Petersilie oder für die vegetarische Richtung den "Grünen Max". Das ist geröstetes Holzofenbrot mit Auberginen-Tatar, Avocado und gebratenen Landeiern.

Auch die Salatpalette ist nicht groß, aber interessant zusammengestellt. So werden die jungen Blattsalate mit Papaya-Chili-Relish in Kombination mit gebratenen Riesengarnelen zum Gast gebracht. Der Caesar Salat holt sein besonderes Aroma von etlichen getrockneten Tomaten und tüchtig Parmesan, und der Niçoise in der ganz klassischen Form bekommt als Besonderheit einen qualitativ vorzüglichen Bonito-Thunfisch.

Bei den Hauptgängen ist die Kalkulation deftig. Zwischen 26,50 und 38,50 Euro ist für ein Lobby Restaurant ganz schön happig. Doch auch hier gilt, dass die Produktqualität gut und die handwerkliche Zubereitung in Ordnung ist. Das Entrecote vom Uckermärker Rind beispielsweise war exakt auf den Punkt medium rare gebraten und wurde von einem köstlichen Kartoffelgratin sowie von gebratenen Kräutersaitlingen und gebackenen Frühlingszwiebeln begleitet. Ein besonderes Lob verdient die frisch aufgeschlagene Sauce Béarnaise, bei der das frische Estragon dominierte.

Currywurst mit Pommes

Zur Barbarie Entenbrust, rosig gebraten, passte der grüne Spargel, auch die Shiitake Pilze und das Kartoffelsoufflé sehr gut. Aus dem besonderen Menü ist das Linumer Kalb erwähnenswert. Das wird in zwei Geschmacksrichtungen angerichtet, einmal als Tendrom (geschmorte Streifen aus der Brust) mit getrockneten Kirschtomaten und Artischocken sowie das kurzgebratene Filet mit Steinpilzen, die durch Röstaromen überzeugten und Kartoffelstroh.

Damit die ganze Bandbreite von Fine Dining bis Schnellimbiss abgedeckt ist, steht auch die Currywurst mit Pommes Frites, aber als besondere Kombination mit einem Glas Champagner, in der Karte. Auch der Westin Burger mit warmen Sesambrötchen und die bereits erwähnten Club-Sandwiches werden hier ebenso serviert wie aufwendige Kreationen.

Die Abteilung Dessert heißt hier "das Ende", was kaum zu widerlegen ist. Da werden die üblichen Klassiker wie Banane mit Schokoladensoße, Sorbets und lauwarmer Schokoladenkuchen von ein paar ungewöhnlicheren Offerten getoppt. Das Soufflé von Macadamianüssen beispielsweise, fruchtig abgeschmeckt mit Zwetschgenrösti oder die Tarte von Toffee mit glasierter Kumquat, Sauerrahmeis, Trauben-Shooter (beeriger Joghurt). "Trust me" (Vertrau mir) ist das Überraschungsdessert, das täglich wechselt.

Die Weinkarte ist günstig kalkuliert, aber von der Auswahl her äußerst bescheiden. Von den Anbaugebieten der Welt zumeist eine Lage und ein einfacher Bordeaux, dazu ein Rosé, Prosecco, ein deutscher Sekt und zwei Champagner ohne Edel-Cuvée.

Eine beachtliche Servicekraft

Der Service war so überraschend wie die Qualität einiger Gänge. Erst einmal wunderte ich mich, dass eine einzige Servicekraft den Laden wuppte, doch dann habe ich vor der Dame meinen Hut gezogen, sie vergaß nichts, obwohl sie nichts aufschrieb, brachte alles auf den Punkt. Das war durchaus beachtlich.

Das Ambiente hat aber auch gar nichts mit Luxus und Glamour des früheren "Silhouette" gemein. Positiv sind die großzügigen Panoramafenster zur Friedrichstraße und die ansprechenden Hölzer. Eine gut frequentierte Bar gehört ebenfalls zum Restaurantbereich nahe der imposanten Freitreppe unter dem 30 Meter hohen Glasdach des Hotels.

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