Gourmetspitzen

Rustikaler Charme und Gemütlichkeit in Reinhard's Landhaus

Heinz Horrmann hat dieses Mal Reinhard’s Landhaus an der Koenigsallee in Grunewald besucht. In rustikaler Atmosphäre genießt er Lachs und Hirschrücken - ein ziemlich angenehmer Abend.

Foto: Massimo Rodari / Massimo Rodari (6)

Ganz gewiss ist es richtig, dass Sterneküche besonders beglückend sein kann: Der Duft der Gerichte erfreut die Nase, die Aromakombinationen schmeicheln dem Gaumen. Doch für viele Leser gibt es andere Kriterien, günstige Preise beispielsweise oder fröhliche, vom Alltag losgelöste Stimmung. Auch besonderes Ambiente verbunden mit rustikalen Köstlichkeiten sind alternative Elemente für einen angenehmen Abend. So lasse ich mich beispielsweise gerne von Landhaus-Charme verzaubern, und diese Gemütlichkeit steht, wenn gewünscht, im Zentrum lustvoller Auszeit-Planung. Stets ist es das Dreigestirn aus anheimelndem Ambiente, schönem Blick in die Natur und köstlich markanten Gaumenfreuden.

Auf Reinhard's Landhaus in Grundwald trifft das alles zu, allein der schöne Blick fehlt. Das Ambiente mit viel Holz, warmen Farben und liebevoll gestalteten Bilderwänden im Restaurant, dem prächtigen Garten und die für kühle Abende geschlossene und von Wärmestrahlern beheizte Terrasse entsprechen schönsten Landhausvorstellungen. Die Stimmung im Restaurant ist locker, aber kultiviert. Die Küche, um das vorwegzunehmen, offeriert ordentliche Gerichte, genussvoll präsentiert.

Wer freilich Höhenflüge der Gourmandise erwartet, ist hier im falschen Restaurant. Die Vorspeisen sind appetitlich zusammengestellt. "Mata Hari" wird hier die Maispoularde mit Speck und Früchten genannt. Originell der Gourmetsalat mit Königscrevetten, Orangenfilets, Walnüssen und Scheiben von rosa gebratener Entenbrust. Jetzt in der Steinpilz-Zeit werden große Portionen frischer Steinpilze mit Röstaromen gewürzt, wahlweise mit einem kleinen Wiener Schnitzel, Schweine- oder Rinderfilet serviert.

Ich habe den frischen Lachs bevorzugt, der mit leicht glasigem Kern perfekt gebraten war. Vegetarische Gerichte registriere ich für die, die es mögen. So der vegetarische Teller mit eingelegtem Gemüse, Frischkäse, Humus, Schafskäse in der Tomate, Avocado, Salat von Dreierlei Bohnen und gefüllte Champignons. Für mich ist das keine Option. Ich mache aber kein Glaubensbekenntnis daraus.

Preisgünstige Vorspeisen

Die Palette der Vorspeisen beginnt sehr preisgünstig mit Kalbsfrikadellen und Kartoffelsalat (9,50 Euro) oder einer Kutscher-Gulasch-Suppe mit Kräuterschmand für 8,50 Euro. Bei den folgenden Hauptgerichten ist natürlich eine Menge Standard im Spiel, wie argentinisches Rinderfilet, Kalbsleber mit glasierter Birne, Wiener Schnitzel mit Gurkensalat oder Großmutters Rinderroulade mit Speck, Gurke und Zwiebel gefüllt. Wir haben uns für die saisonale Karte entschieden, mit gut gemachten Wildgerichten. So der Hirschrücken, rosa gebraten, butterzart und aromastark, allerdings mit Schupfnudeln und geschmorter Quitte. Wer lieber eine bei Niedrigtemperatur geschmorte Rehkeule mag, bekommt sie auf Wunsch serviert, mit Kirschsauce und einem Maronen-Kartoffel-Püree. Die halbe Ente zum günstigen Preis von 20,50 Euro war natürlich vorgegart, aber die Haut gelang durch Oberhitze recht kross.

Der Fisch des Tages waren Seeteufel-Medaillons mit Spinat-Risotto, Rote Bete und Speckschaum. Es war das einzige Gericht, das man als nicht gelungen bezeichnen kann. Der Fisch war von einer grandiosen Geschmacksneutralität und wirkte nicht frisch, sondern wie aufgetaut. Schade. Am Nebentisch wurden Rinderrouladen serviert. Die großen, gut gebräunten Fleischrollen waren nach klassischem Rezept, wie schon zu Großmutters Zeiten, zubereitet, der eingerollte Speck war durchwachsen. Das garantiert ein saftiges Innenleben. In Grunewald, dem alten Westen, wo einst mit Henry Levy der Berliner Küchenaufschwung begann, erwartet man ganz selbstverständlich ein paar Berliner Elemente, so die Kalbsleber und den auf der Haut gebratenen Zander mit Rote-Linsen-Püree und geschmelzten Tomaten.

Heutzutage positionieren sich derartige Landhaus-Restaurants mit ihrem Komplett-Angebot vom Frühstück (ab 9 Uhr) bis zum Champagner an der Bar. Sonntags ist es schon Tradition, dass man sich zum Brunch am großen Büfett trifft (10–14 Uhr). Bei meinem Besuch arbeitete der Service sehr aufmerksam. War unser Kellner an anderen Tisch beschäftigt, half auch die Restaurantleiterin. Beim Weinangebot werden den Gästen, die sich nicht ausführlich mit Kreszenzen beschäftigen, attraktive, nicht zu teure Vorschläge gemacht. So ein Sauvignon Blanc Petit Bourgeois von der Loire (27 Euro) bis zum Lemberger aus Württemberg (36 Euro). Erwähnen möchte ich weiterhin das überaus breite Angebot an offenen Weinen.

Bei einem früheren Besuch habe ich die zu langen Wartezeiten kritisiert. Da konnte man ja einen Roman schreiben, bevor die Speisen kamen. Nachdrücklich muss ich betonen, dass diese Schwachstelle behoben wurde, alles ging forsch und auch das sorgte für einen äußerst angenehmen Abend im Landhaus.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.