Gourmetspitzen

Das S-Zimmer ist alles, nur nicht langweilig

Heinz Horrmann besucht das „S-Zimmer“ an der Düsterhauptstraße in Waidmannslust. Und wie der Name verspricht, wird hier reichlich aufgefahren. Am besten ist aber der Klassiker: Wiener Schnitzel.

Foto: Amin Akhtar / Amin Akhta(3)

Muss es tatsächlich stets die kreative Gourmetakrobatik sein, oder ist nicht auch solide Qualität, köstlich zubereitet und liebevoll serviert, ein Genuss? Zwei junge sympathische Gastroexperten, Matthias Strempel, der Koch, und Patricia Röhl, die Servicefachfrau, privat wie beruflich liiert, haben das ehemalige Restaurant von Zwei-Sternekoch Siegfried Rockendorf in Waidmannslust liebevoll renoviert und bieten nun Köstlichkeiten zu kleinen Preisen. Einziger Nachteil des Restaurants: Es liegt an der Düsterhauptstraße, nahe dem Waidmannsluster Damm, ein ganzes Stück vom Berliner Zentrum entfernt. Doch für ein gutes Essen ist das kein Problem.

Der Empfang ist liebenswert, das, was dann auf den Tisch kommt, gut gemacht und aromatisch. Die Karte ist klein gehalten, mit ein paar Vorspeisen, Hauptgängen und Dessert, dazu ein besonders günstig kalkuliertes Vier-Gänge-Menü (56 Euro). Wobei auch hier jeder Gang einzeln geordert werden kann. Der Einstieg mit einem butterzarten Kalbscarpaccio, das neben dem üblichen Parmesan mit leicht marinierten Pfifferlingen aromatisiert ist, mag keine Küchensensation sein, ich habe es geschmacklich jedoch ebenso großartig gefunden wie das Krustentiersüppchen. Der Kabeljau im Gemüsegarten, damit sind grüne Erbsen, gemischtes, mariniertes Gemüse mit feinem Senfaroma gemeint, ist ganz frisch gewesen, das Fleisch zerfällt in Schuppen.

Köstlich, kross und individuell

Zum Abschluss des Menüs wird Crêpe Suzette in der klassischen, französischen Form serviert, mit Grand Marnier, Orangenfilets und Vanilleeis. Der Hinweis auf solide ausgeführte Regionalgerichte, ohne den Urknall des sensationell Neuen, bedeutet in gar keiner Weise Langeweile. Der gebeizte Gewürzlachs beispielsweise ist kein Standardgericht, sondern mit köstlichen Flusskrebsen, Feldsalat, Dill-Senf-Creme und mit einem krossen Rösti eine exzellente Vorspeise. Das gilt auch für die marinierte Entenleber mit Portweinbirne sowie das kross gebratene Perlhuhn mit Römersalat, Mozzarella und Joghurt individuell verfeinert.

Bei den Hauptgängen bietet Matthias Strempel zwei Mal Fisch und drei Mal Fleisch. Bei den Meerestieren sind es neben dem Kabeljau Seeteufelbäckchen mit Taglierini und Kräutersauce. Neben den geschmorten Ochsenbacken mit Spitzkohl, Stampfkartoffel und intensivem Madeirajus gibt es Roastbeef vom amerikanischen Prime Beef mit Sellerie und ein wenig Sommertrüffel. Die sind vom Preis vertretbar, haben aber nicht das Aroma wie Périgord-Trüffel. Es ist ganz verrückt, dass das Lieblingsgericht in der Stadt, egal, wo man nachfragt, Wiener Schnitzel ist. Das macht der Koch hier richtig gut, die Panade hat Bindung, ist schön trocken ausgebraten und das Kalbfleisch zart, liegt nicht, wie ich es häufig erlebe, wie ein Pappkarton in der Panade.

Regional und deutsch-französisch

Die Küche wechselt die Karte ständig. Das erlaubt Stammgästen, regelmäßig zu kommen, ohne Wiederholung zu beklagen. Deutsch-französisch ist die Gesamtrichtung, regionale Gerichte und Produkte aus der Umgebung werden jedoch stets verwendet. So gibt es manchmal Bioeier, die erst gekocht und dann knusprig ausgebacken werden (mit schmackhaften Herbsttrompeten und Spinat) oder auch mal das Ur-Kölner Nationalgericht "Himmel und Erde" mit Blutwurst (auf kölsch "Flöns"), Kartoffelpüree, Apfelscheiben und Zwiebeln. Bei unserem Besuch haben andere Gäste einen Schweinebraten bestellt, der mit liebenswerter Selbstverständlichkeit serviert wurde.

In Zeiten des Slim-Denkens wird der süße Abschluss häufig ausgelassen. Dementsprechend reagieren viele Küchen. Auch Strempel hat die Auswahl bewusst klein gehalten, aber das, was er anbietet, ist perfekt gemacht. Wie die gebrannte Creme mit Tonkabohnen und Himbeersorbet, Crêpe Suzette. Dann werden noch Sorbet-Variationen in der Küche produziert, mit reinem Fruchtaroma ohne viel Eiweiß. Gästefavorit ist Mango.

Es ist immer wunderschön, wenn die Erwartungen deutlich übertroffen werden. Das war im S-Zimmer so bei den Speisen und ebenso bei der Weinkarte. Mir haben natürlich vor allem die gästefreundlich kalkulierten Kreszenzen aus Burgund und Bordeaux gefallen. Wir haben einen Puligny-Montrachet von Drouhin gewählt und sind begeistert. Der Champagner, der im S-Zimmer angeboten wird, ist keine große Marke, sondern ein kleiner Winzer-Champagner, aber richtig erfrischend und so gut wie ohne Restzucker.

Den Service macht Patricia Röhl, die lange bei Johannes King im Sölring Hof auf Sylt gearbeitet hat, im Alleingang. Sie ist eine großartige Gastgeberin und extrem aufmerksam, ohne auch nur eine Spur aufdringlich zu wirken. Auch das gehört einfach zu einem guten Dinnererlebnis. So ist das S-Zimmer für mich in der Summe aller Dinge eine echte Empfehlung. Ich habe beim Michelin angefragt, ob man für einen Schweinebraten oder eine Ochsenbacke einen Michelin-Stern bekommen kann. Theoretisch ja, ist mir beschieden worden. Wenn die Ausführung außergewöhnlich gut sei. Daran musste ich denken, als ich bei einem Kollegen eines anderen Publikationsorgans etwas von kreativer Langeweile in diesem Restaurant las. Ich kann aus Überzeugung nur raten: Versuchen Sie diese gute Küche zu kleinen Preisen.

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