Laue Sommerabende sind als Appetitmacher die beste Werbung für Restaurants mit Tischen unter freiem Himmel, Biergärten oder gepflegten Terrassen. Diese Open-Air-Adressen bieten im Sommer schöne Stunden und Genuss der besonderen Art. Da muss es keine Sterneküche sein, sondern gute Hausmannskost oder leichte Grillgerichte sind angesagt.
Leider ist die Qualität auch in dieser einfacheren Kategorie nicht in jedem Fall garantiert. Darum sollte man sich vorab informieren. Auf diese Weise kam ich zum Restaurant mit einem geradezu biblischen Namen, „Maria & Josef“, ein von Essen und Trinken in Bayern geprägtes Lokal mit großem Garten nahe dem S-Bahnhof Lichterfelde West. Wer aus dem Zentrum der Stadt kommt, muss eine gute halbe Stunde Fahrzeit kalkulieren. Ein Aufwand, der sich aber lohnt, wie ich nach meiner Gesamtbewertung durchaus versprechen kann. Maria und Josef, das hört sich nach Nazareth und Bethlehem an, biblisch eben. Die apostolische Gnade der Geduld war auch gefragt, bis die Getränke auf dem Tisch standen. Dabei hatte ich noch Glück, im Arbeitsbereich eines exzellenten, fröhlichen Kellners zu sitzen, der seine gute Laune zeigte.
Bei bayerischer Bierspezialität
Nicht nur der bayerische Gerstensaft, Favorit ist hier die Bierspezialität der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan, auch die Gerichte sind klar nach dem schönen Süden unseres Landes ausgerichtet: Obazda, Krustenschweinebraten, Leberkäs, Weißwürste mit süßem Senf sind Beispiele. Es gibt aber durchaus auch ein anderes, appetitliches, alternatives Programm. Zum ersten Mal in 33 Testjahren habe ich beispielsweise Spargelflammkuchen probiert. Einfach, aber ganz köstlich. Hauchdünner, krosser Boden und komplett belegt mit grünem und weißem Spargel, Zwergtomaten und gehobeltem Parmesan. Richtig gut gemacht. Da stimmen die Aromen. Das gilt auch für die Spargelsuppe vom Beelitzer Spargel, die mit Sahne montiert und mit Schnittlauch verfeinert ist. Die Blattsalate in allen Variationen sind eine erstklassige Visitenkarte, auch, weil das Balsamico-Dressing ausgewogen und schmackhaft ist.
Die Hauptgänge sind Standards, überraschungsfrei von kreativen Variationen, aber durchweg von guter Qualität. Das gilt vor allem für den Krustenbraten von einem, so heißt es in der Werbung, glücklichen Kräuterschwein, dazu passt die Dunkelbiersoße ausgezeichnet und, wie kann es anders sein, Krautsalat mit Speck und Kartoffelklößchen. Die knusprige Haxe ist dagegen durchschnittlich, die Kruste könnte ausgebackener sein. Der Kümmeljus ist herzhaft und passt sehr gut. Um bei den glücklichen Schweinereien zu bleiben: Richtig empfehlenswert ist das Schnitzel in einer herrlichen Kürbiskern-Panade, handwerklich gut gemacht, weil eine ordentliche Bindung da ist. Knusprig und richtig herzhaft gewürzt.
Bis zu Brez’n und Weißwurst
Beinahe selbstverständlich, dass es ständig frische Brez’n gibt und natürlich Weißwürste (drei Stück für 6,90 Euro), die anders als in Bayern zu jeder Tageszeit serviert werden. Nun ist man in dem absolut sympathischen Restaurant mit dem rustikalen Ambiente und dem schön eingedeckten Garten wahrlich nicht nur bayerisch orientiert. Bei den Speisen nicht und nicht beim Gerstensaft. Der Zwiebelrostbraten beispielsweise vom Simmenthaler Rind oder die Berliner Kalbsleber mit knusprigen Zwiebelringen und gegrillten Apfelspalten dokumentieren eine größere Breite. Auch schwäbische Elemente fließen ein, so die hausgemachten Spätzle mit Käse oder die geschmälzte Gemüsemaultasche, die mit herrlich samtigem Rahmporree, brauner Semmelbutter und gut gereinigtem Feldsalat (es knirscht nicht zwischen den Zähnen) serviert wird.
Aber, wie gesagt, man ist in erster Linie auf Bier ausgerichtet, aber nicht festgelegt. Die Weinkarte ist klein und auf Deutschland und Österreich begrenzt. An einem heißen Abend fand ich einen herrlich frischen Rosé, der richtig gut gekühlt serviert wurde, ein Lemberger Weißherbst aus Württemberg. Wie oft beklage ich, dass derart frisch zu trinkende Weine erst im bereit gestellten Eiskühler auf Temperatur kommen.
Apfelstrudel mit Vanillesauce zum Abschluss
Sind Speise- und Weinkarte schon klein gehalten, so ist der süße Abschluss (wer das nach den herzhaften Speisen noch mag) ganz minimalistisch. Der Apfelstrudel mit Vanillesauce ist vorbereitet, dazu gibt es als Alternative nur den Kaiserschmarrn, frisch aus der Pfanne mit Puderzucker und einem Hauch von Vanillecreme, von der feinen Säure des Rhabarberkompotts abgerundet. Völlig unkonventionell orientierten sich Gäste am Nebentisch zum Abschluss an der aufgearbeiteten Käsecreme, dem hausgemachten Obazda mit Schnittlauch und Brezel. Jeder, wie er es mag.
Die kulinarischen Jahreszeiten haben im „Maria & Josef“ erkennbar Bedeutung. Jetzt, in der auslaufenden Spargelzeit beispielsweise die Spargelkarte, die das Edelgemüse kundenfreundlich offeriert, eine große Portion Spargel mit Petersilienkartoffeln, Sauce Hollandaise oder zerlassener Butter steht mit 13,90 Euro auf der Rechnung. Insgesamt ein rundes Angebot im angenehmen Ambiente. Gut gefallen hat mir auch das Motto der Genussphilosophie, das neben dekorativ gestapeltem Holz an der Wand prangt: „Wer net liebt, net lacht, keine Fehler macht, wer net trinkt und zugleich singt, der ist lebendig schon a Leich.“ Nun denn, zum Wohl und Prost!
Adresse: Maria & Josef, Hans-Sachs-Straße 5, Lichterfelde, täglich ab 12 Uhr, Tel.: 75633102, www.mariaundjosef.com
Küche: Gut gemachte, deftige Hausmannskost, mehrheitlich bayerisch.
Service: Freundlich, aufmerksam, locker, ohne auf handwerkliche Details zu achten.
Ambiente: Rustikal mit Hüttencharakter und einer prächtigen Wiese für schöne Tage.
Besonderheiten: Der Spargel-Flammkuchen, der für mich eine kleine Offenbarung war.




