Gourmetspitzen

Wo Wladimir Putin in Berlin diniert

Heinz Horrmann besucht das einst in Moskau beheimatete „Café des Artistes“ an der Fuggerstraße. Schon Putin kam in den Genuss der Balance zwischen Schweizer Anregungen und Moskauer Impulsen.

Foto: Amin Akhtar

Man mag ja über Kreml-Chef Wladimir Putin denken, was man will. Eines ist sicher: Putin muss ein ausgemachter Connaisseur sein. Er hat seine Freunde immer wieder zu grandiosen Genussabenden ins Moskauer „Café des Artistes“ in der Kamergerskij Pereulok eingeladen.

Bis die Besitzer nach Berlin übersiedelten und aus dem schönen Moskauer Lokal eine Pizzeria wurde, während Inhaber und Küchenchef an der Berliner Fuggerstraße ein Restaurant mit dem gleichen Namen einrichteten: das „Café des Artistes“. Wenn Putin jetzt nach Deutschland kommt, dann geht er zum selben Koch wie einst in Moskau. Weil er seine Gerichte über alle Maßen schätzt.

Nach meinem Besuch kann ich das durchaus verstehen. Die Karte ist auf den Punkt, nicht übertrieben groß, aber für jeden Geschmack passend. Ein köstlicher Einstieg ist die Ochsenherz-Tomate, ausgehöhlt und mit Königskrabben, die mit einer leichten Mayonnaise verbunden sind, gefüllt. Dazu gibt es einen aromatischen Wildkräutersalat, der seinen Namen verdient hat, und mariniertes Gemüse.

Der „Prince de Bretagne“ kommt mit drei Dips

Auch die ganze Artischocke „Prince de Bretagne“, auf den Punkt gegart, wird durch drei Dips schmackhaft. Das Thunfisch-Carpaccio, vor dem Aufschnitt in einen Kräutermantel gepackt, ist von erstklassiger Qualität. Was ich kritisch anmerke, weil ich es überhaupt nicht mag, ist das verwendete synthetische Trüffelöl. Ein paar Späne von den preiswerten Sommertrüffeln (nicht zu verwechseln mit teuren Périgord-Trüffeln) würden das Gericht wahrlich aufwerten.

Sülze vom Kalbstafelspitz wird in vielen Restaurants angeboten. Hier machen die Zutaten das Rennen. Ein perfekt abgeschmecktes Sherry-Gelee, frischer Estragon und knackige, erntefrische Pfifferlinge, mit sommerlichen Blattsalaten kombiniert, machen aus dem Standardgericht ein Esserlebnis.

Es gibt etliche Standards hier im „Café des Artistes“, wie das Entrecôte mit Pfeffersauce oder das Rinderfilet mit Rotweinjus. Aber einige individuelle Überraschungen werten das Programm auf. Wie die rosa gebratene Entenbrust (Barbarie-Qualität), die nicht mit Orangen-, sondern mit Sauerkirschsoße verbunden ist. Der Spitzkohl passt dazu.

Von der Schweiz bis nach Russland

Die Vorgehensweise des Küchenchefs bei geschnetzelten Filetspitzen zu erleben ist der Höhepunkt. Der Star am Herd, der eine Menge Erfahrungen in der Schweiz gesammelt, aber auch aus der Moskauer Zeit Spezialitäten in das Küchenkonzept eingebracht hat, präsentiert mir den Vergleich von Filet Stroganoff und Züricher Geschnetzeltem.

Das Rinderfilet Stroganoff ist äußerst herzhaft, mit Gurkenspänen, stärkeren Röstaromen – das Züricher Geschnetzelte von einer unglaublich schmackhaften Milde. Sautierte Streifen vom Kalb mit frischen Wiesenchampignons in einer ausgewogenen Weißweinsauce, das ist klasse. Das Schweizer Rösti dazu ist nicht, wie so häufig erlebt, labbrig, sondern richtig kross ausgebraten.

Auch bei den Desserts wird die Balance zwischen Schweizer Anregungen und Moskauer Impulsen gewahrt. Der Coupe Romanoff besteht aus frischen Erdbeeren, leicht alkoholisiert, hausgemachtem Vanilleeis und Sahne. Beim Schweizer Starkoch Girardet habe ich bisher das beste Parfait von Waldbeeren gegessen.

Ansprechendes Ambiente und exzellenter Service

Hier ist die Qualität nicht weit entfernt: Der süße Abschluss wird mit Erdbeercoulis, Pistazien und Basilikum abgerundet. Das Schokoladenküchlein ist tatsächlich außen gebacken, aber innen noch flüssig. Passionsfruchtsauce und frische Beeren gibt es dazu. Das ist nicht unbedingt mein Geschmack, ich trenne lieber Frucht und Schokolade. Das Fazit: ansprechendes Ambiente und exzellenter Service.

Der Restaurantleiter hat schon im „Bamberger Reiter“ höchste Servicequalität garantiert. Und die Gerichte kommen bei den meisten Genussmenschen an. Das ist noch keine Sterneküche, aber über Sterne allein definiert sich keine Großstadt-Gastronomie, sondern durch die Vielfalt und die Internationalität. Ein für mich überraschend positives Genusserlebnis, das ich um Haaresbreite verpasst hätte.

Wie so häufig in Hotels und Restaurants erlebt, war der erste Kontakt am Telefon katastrophal. Weil sich nie einer meldete, hatte ich über das Internet reserviert und auch eine Bestätigung für meinen Tisch erhalten. Da kam plötzlich ein Anruf mit der Stimme einer missgelaunten Frau aus dem Restaurant, die mir sagte, dass es für mich keinen Platz gebe, Restaurant und Terrasse seien ausgebucht.

Alles stimmte im „Café des Artistes“

Im Übrigen gebe es auch nur ein Menü und keine À-la-carte-Bestellung. Das würde mir ja gewiss nicht passen. Ich frage mich jetzt noch, woher sie das wissen will. Nun denn, da ich aber mit dem König der Event-Gastronomie, Hans-Peter Wodarz, verabredet war, handelte ich gegen meinen ersten Impuls, das Lokal von meiner Liste zu streichen.

Und siehe da: Ich bekam einen großartigen Platz im Blütenmeer der Terrasse, die noch zusätzlich mit rot-weißen Luftballons, Fahnen und Girlanden geschmückt war, weil Schweizer Nationalfeiertag war. Und alles, wirklich alles stimmte schließlich im „Café des Artistes“. Auch die Weinpflege – alle Weine aus den bedeutenden Anbaugebieten der Welt waren kundenfreundlich kalkuliert –, sodass ich mich letztendlich über einen angenehmen Genussabend freuen durfte.