Deutschstunde

Als die Küchenkräuter kleingeschaukelt wurden

… hatte der Koch sie erst gewogen und dann gewiegt. Wörter, die gleich klingen, können sehr verschieden sein.

Es gibt im Deutschen eine Reihe von Wörtern, die werden zumindest in der Grundform (im Infinitiv) gleich gesprochen und gleich geschrieben, haben aber eine unterschiedliche Bedeutung und meistens auch eine unterschiedliche Flexion (Beugung). Sie sind homonym, also gleichlautend. Und weil sie so leicht zu verwechseln sind, werden sie auch immer wieder verwechselt.

Das Verb hängen tritt bekanntlich doppelt auf, einmal stark (hängen, hing, gehangen), und einmal als schwacher Verwandter (hängen, hängte, gehängt). Trotz dieser engen Verwandtschaft besitzen diese beiden Wörter eine verschiedene Aussage – entweder „an einer bestimmten Stelle befestigt sein“ (stark) oder „etwas an einer bestimmten Stelle befestigen“ (schwach). Man kann auch sagen, das schwache Verb bezeichnet eine Tätigkeit („Er hängte das Bild an die Wand“), das starke Verb aber einen Zustand („Das Bild hing an der Wand“).

Noch schwieriger sind die Homonyme wiegen auseinanderzuhalten. Gibt es einen Unterschied zwischen gewiegt und gewogen?, fragt ein Leser. Den gibt es, in der Tat! Doch der Reihe nach. Das starke Verb wiegen, wog, gewogen bedeutet im Ursprung „etwas auf eine Waage legen und das Gewicht feststellen“. Die schwache Form wiegen, wiegte, gewiegt sagt etwas völlig anderes aus, nämlich „etwas in schaukelnde Bewegung versetzen“. Das eine kommt von der Waage, das andere von der Wiege. Wenn das Baby erst gewogen und dann gewiegt wird, legt die Mutter es zuerst auf die Waage, um festzustellen, ob es abends nach dem Bäuerchen ein paar Gramm zugenommen hat, und dann in die Wiege, um es in den Schlaf zu wiegen (zu schaukeln).

Für die Jüngeren unter uns sei vorsichtshalber die Erklärung angefügt, dass eine Wiege eine Art Kasten mit abgerundeten Kufen ist, die nicht längs, sondern quer angebracht sind, sodass das Gebilde von Mama oder Papa um die Längsachse geschaukelt werden kann. Ähnliches muss mir vor fast 77 Jahren auch widerfahren sein, und soweit ich mich (wenn auch dunkel) erinnere, stellte ich danach mein Gebrüll nicht aus Wohlbefinden, sondern aus purer Überraschung für einen Augenblick ein.

Wenn ein Koch die Zutaten zur frischen Gemüsesuppe genau gewogen und dann gewiegt hat, so liegt hier keineswegs ein sprachlicher Kompromiss vor. Vielmehr hat alles seine Richtigkeit. wiegen (schwach) tritt auch in der Nebenbedeutung „mit einem Wiegemesser zerkleinern“ auf. Ein Wiegemesser hat Kufen wie eine Wiege, nur messerscharf geschliffen und aus Solinger Stahl. Fein gewiegte Küchenkräuter und Lauch sind also nicht geschnitten, sondern kleingeschaukelt worden.

Das zweite Partizip von wiegen (der Wiege) hat sich als Adjektiv selbstständig gemacht. In diesem Zusammenhang bedeutet gewiegt so viel wie „sehr erfahren, schlau, durchtrieben“. Wer gewiegt ist, ist eigentlich in einer Wiege geschaukelt und groß geworden: Der Bursche ist ganz schön gewiegt. Die besonders gewiegten Tatort-Kommissare kommen aus Münster. „Einen Menschen in Sicherheit wiegen“ bedeutet „ihn glauben machen, dass keine Gefahr droht“ – oder drastischer ausgedrückt: ihn verschaukeln. Womit wir wieder beim Schaukeln der Wiege wären.

Was dem einen Verb recht ist, ist seinem Homonym billig. Auch das zweite Partizip von wiegen (auf der Waage) ist ein eigenständiges Adjektiv: gewogen in der Bedeutung „zugetan, freundlich gesinnt, wohlgesinnt“, eigentlich „Gewicht oder Wert haben, angemessen sein“. Er war ihm stets gewogen. Die Prüfer zeigten sich ihr nicht gewogen und ließen sie durch das Examen fallen.

Gewogen und zu leicht befunden, so deutete der Prophet Daniel das Menetekel an der Wand, sei König Belsazar in Babylon nach seinem Frevel gegen Jehova. Das hatte böse Folgen: Belsazar ward aber in selbiger Nacht/ Von seinen Knechten umgebracht (Heine).

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