Im Deutschen besitzt ein Adjektiv oder Verb meistens mehr als nur eine Bedeutung. Das schmückt unsere Sprache, macht sie variantenreich, hebt sie aus dem Kantinen-Niveau heraus und eröffnet uns die Möglichkeit, eigene rhetorische Rezepte zu kreieren. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die einen Ausdruck auf eine einzige Bedeutung festzunageln versuchen, wobei sie sich äußerst witzig vorkommen und sich schon als Reserve-Comedian für öffentlich-rechtliche oder private Sender sehen. Bei der Meldung „Der Bundespräsident hat ihm den Orden verliehen“ kann man damit rechnen, dass ein Spaß- oder Ernstvogel die Frage stellt, wie lange die Leihfrist für den Orden und wie hoch der Mietzins sei. So etwas mischt meine Korrespondenz stets ungemein auf.

Nehmen wir das Verb stürzen. Das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ kennt 14 unterschiedliche Bedeutungen für dieses Allerweltswort, nicht nur die gängige Erklärung „aus mehr oder weniger großer Höhe jäh in die Tiefe fallen“. Der Löwe stürzt sich auf das Zebra (anfallen), die Felsen stürzen steil ins Meer (abfallen), der Schüler stürzt sich in die Arbeit (Fiktion), der Kuchen wird aus der Form gestürzt (herausgelöst) oder der Bundesaußenminister soll gestürzt werden (ist passiert).

Das Norddeutsche benutzt noch eine 15. Bedeutung für stürzen. Betttücher, die in der Mitte mürbe geworden waren, wurden früher nicht weggeworfen, sondern gestürzt. Mutter oder die Hausschneiderin schnitt sie durch, kehrte die dünnen Partien nach außen und nähte das Betttuch in der Mitte wieder zusammen. Auch in „betuchten“ Haushalten galt es nicht als unzulässig, auf der Naht zu schlafen, sondern vielmehr als Ausdruck hanseatischer Sparsamkeit. Wer jedoch auf der letzten Naht lag, war kurz vor dem Ableben oder der Zahlungsunfähigkeit.

Solche Redensarten werden im Allgemeinen benutzt, ohne dass wir ihren Ursprung kennen. Wir rufen sie bei passender oder ab und zu auch unpassender Gelegenheit aus unserem Gedächtnis ab und flechten sie als Text- oder Redebaustein in unsere Aussage ein. Wer nicht genug Redensarten parat hat, benutzt eine der unzähligen Sammlungen. „Das große Buch der Zitate und Redewendungen“ vom Dudenverlag wiegt fünf Pfund und bietet mehr als 15.000 klassische Zitate und feste Wendungen. Vorsichtshalber ist hinten eine CD eingeklebt, die den Inhalt in digitaler Form darbietet. Bücher kommen bekanntlich immer mehr aus der Mode, und viele Schüler finden im gedruckten und alphabetisch geordneten Lexikon das gesuchte Stichwort schon deshalb nicht, weil sie das Alphabet nicht kennen. Heutzutage hilft das Smartphone beim Schreiben und auch immer mehr beim Denken. Ich glaube, meine Enkelin wird das Abitur nicht mehr selbst machen müssen. Apple, Google und die Wikipedia werden das für sie übernehmen.

Falls eine Redensart nicht aus dem Brauchtum oder Volksgut stammt, sondern von Dichtern und Denkern vorformuliert worden ist, sprechen wir von einem Zitat. Schillers „Lied von der Glocke“ besteht nur aus Zitaten. Wer diese Ballade auswendig lernt, ist rhetorisch bestens ausgestattet. Ein Sprichwort hingegen ist eine Redensart mit tieferer Bedeutung, das Lebensweisheiten als eingängiges Bild oder Beispiel bieten will. Das Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ enthält in einfacher Sprache so etwas wie den kategorischen Imperativ. Kant im U-Bahn-Format.

Floskeln sind Sprachbausteine, die wenig Sinn und häufig Unsinn in die Unterhaltung bringen. Die Begrüßungsfloskel „Wie geht es Ihnen?“ bedeutet ja nicht, dass man nun die genaue Krankengeschichte des Gegenübers hören will. Es gibt Schleimfloskeln, Trostfloskeln („Kopf hoch!“), Empörungsfloskeln und vor allem die Standardfloskel im Altersheim: „Früher war alles besser!“ Alles besser? Mag sein. Nur die Floskeln nicht.

Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen© Klaus Bodig

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Sie erreichen den Autor unter deutschstunde@t-online.de.

Mehr "Deutschstunden":